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Edward Lewis Wallant

Der Pfandleiher

Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Barbara Schaden. Berlin Verlag, Berlin 2015. 351 Seiten. 22,00 Euro. ISBN: 978-3-8270-1183-1, >>> Amazon

Sol Nazerman hat den Holocaust überlebt, seine Frau und seine Kinder nicht. Anfang der 1960er führt er eine für ihn trostlose Existenz als Pfandleiher in Spanish Harlem. Dass seine Pfandleihe vor allem dazu dient, die "Einnahmen" bzw. das Geld des Gangsters Murillio zu "waschen", berührt ihn da noch am wenigsten. Doch als Sol schließlich entdeckt, dass Murillio auch Geld aus der Prostitution bei ihm "wäscht", will er sein Geschäft aufgeben - verbindet er doch Prostitution mit einem seiner schrecklichen Traumata im KZ. Die prompt gegen Sol ausgesprochenen Morddrohungen Murillios zielen zu dessen Erstaunen ins Leere
"The pawnbroker" von Edward Lewis Wallant ist 1961 erschienen, ein Jahr vor dem Tod des nur 36 Jahre alt gewordenen Autors. Der Titel wurde 1964 mit Rod Steiger in der Hauptrolle verfilmt, was dem Schauspieler u.a. eine Oscar-Nominierung einbrachte, und 2008 würdigte das "National Film Registry" den Film mit der Aufnahme in das Verzeichnis besonders erhaltenswertenswerter US-amerikanischer Filme.
Mit "Der Pfandleiher" liegt nun auch die erste deutsche Übersetzung des Buches vor, die Barbara Schaden vorgenommen hat. Wie sie in einer Anmerkung am Ende des Buches ausführt, ging es ihr bei der Übersetzung um das Respektieren "der klaren Stellung des Romans in der Zeit", der u.a. auch die Bezeichnung "Neger" für Afroamerikaner verlangt. Problematischer ist jedoch ihr insbesondere anfangs sehr hölzerner Stil, der auch nicht davor zurückschreckt, drei Mal hintereinander einen anachronistisch wirkenden Begriff wie "prekär" einzuführen und für die Pidgin-Sprache der Kunden Sols weder Rhythmus noch eigenen Klang findet.
Trotz der angesprochenen Kritikpunkte nimmt einen aber spätestens nach 30 Seiten die Geschichte dennoch gefangen - gerade auch wegen der aufgrund seines Schicksals mehr als legitimen, ausdrücklich fehlenden "politischen Korrektheit" in Sols Ansichten über die Welt im Allgemeinen und seine Kunden im Besonderen. Sie alle rahmen ihren Wunsch nach möglichst viel Geld für ihre Pfandstücke mit mehr oder weniger rechtfertigenden, ihre Würde schützen wollenden Geschichten ein, doch Sol bleibt meistens knallhart und gibt nur ein Minimum - auch weil er weiß, dass er auf den meisten Pfandstücken sitzen bleiben wird und ohne Murillios Rückendeckung längst pleite wäre. Dagegen kommt auch die Sozialarbeiterin Marilyn Birchfield kaum an, der es nur in geringem Maße gelingt, Sols emotionale Abstumpfung und seine Abwehr jeglicher Kontaktaufnahme ein wenig zu durchdringen. Einen für die Geschichte wichtigen Nebenstrang entwickelt die Figur von Sols jungem Angestellten Jesus Ortiz, der in Sol einen Geschäftsmann sieht, dem er erst nacheifern und ihn am Ende berauben will.
Dieser Roman enthält eine beeindruckende Zeitaufnahme des früheren New York mit den Sehnsüchten und Erwartungen seiner nicht privilegierten Bewohner, aber vor allem die herzzerreißend fesselnde Innenperspektive eines Gewaltopfers, das in seinem Überleben keinen Sinn mehr zu finden weiß. Und damit ist dieser Roman jenseits aller Vergleiche mit dem Holocaust auf tragische Weise aktuell, müssen sich doch nach wie vor immer neue Gewaltopfer auf die Flucht begeben und werden noch Jahre danach an den Folgen zu leiden haben.
Ein wichtiges Buch, das nun auch im deutschen Sprachraum das Zeug zum modernen Klassiker hat, den man gelesen haben sollte.

Buechernachlese © Ulrich Karger



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