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Dietrich Zilleßen & Uwe Gerber

Und der König stieg herab vom Thron

Das Unterrichtskonzept Religion Elementar
Diesterweg Verlag, Frankfurt a. M. 1997, 164 S. + 24 Dias, ISBN: 3-425-07702-3, >>> Amazon

WEDER FISCH NOCH FLEISCH

Die Unterrichtsmaterialien zum Religionsunterricht (=RU) sind vielfältig - nicht zuletzt auch 'Religion heute' bietet da ja so manch konstruktive Anregung - aber was die Bücher zum RU angeht, sind sie in der Regel seit Jahrzehnten nach demselben Muster gestrickt: Soll-Bibelstellen werden mit entsprechenden Bildillustrationen und vielleicht auch noch mit einigen heranführend aktuellen Prosa- oder Lyriktexten garniert und in den höheren Klassen um ein paar Exkurse in Fremdreligionen erweitert. Schlecht beraten, wer den RU nur auf die Grundlage dieser Bücher stellen wollte. Nicht zuletzt auch deshalb, weil in der Familie gelebtes und tradiertes Christentum bei den Schülern immer mehr zur Ausnahmeerscheinung geworden ist und die Rolle des RU als "missing link" zwischen Kirche und Gesellschaft ein immer größeres Gewicht bekam - was umso schwerer wiegt, als so manche Kirchenleitung dem Berufsstand der ReligionslehrerInnen (insbesondere der KatechetInnen) nicht gerade den Rücken stärkt. Gar nicht zu singen das traurige Lied vom innerkirchlichen Diskurs um die adäquate Rolle der Kirchen in heutiger Zeit, in dessen Strophen bisher lediglich das monotone Sägen an den in der Gesellschaft noch wahrzunehmenden Ästen der Kirche laut wird ...
Dietrich Zilleßen und Uwe Gerber haben nun etwas Neues versucht - das Ergebnis ist ambivalent, um nicht zu sagen, weder Fisch noch Fleisch.
Überschrieben ist das Werk mit einem Vers aus dem Jona Buch "UND DER KÖNIG STIEG HERAB VON SEINEM THRON" mit der Unterzeile "DAS UNTERRICHTSKONZEPT RELIGION ELEMENTAR". Letzteres verweist schon darauf, daß hier nicht der zweite vor dem ersten Schritt getan werden soll. In drei Kapitel gegliedert versammelt der theoretische Teil somit durchaus lesenswerte, inspirierende Essays. Vor dem (s.o. nicht einmal tradierten) Bekenntnis zu einer der Konfessionen wird hier eine elementare Anmutung an religiöses Denken und Fühlen überhaupt vorgestellt. Es geht um die Notwendigkeit, die Dinge rückwärts schauen und damit die Vergänglichkeit ertragen zu lernen. Dazu muß man "verrückt spielen", d.h. die Positionen verrücken, gewohnte Standpunkte verlassen. Die Spielregeln für verrückte Ansichten "folgen den Sinnen, weil sie Spuren suchen vom Verborgenen, Stummen, Verdrängten. Religion elementar sieht darin menschliche Grundfragen nach Gott, Glauben und Leben aufgeworfen". Nicht stofflich abhaken, sondern Anstöße geben, mit christlichen und anderen religiösen Traditionen umgehen und neue Ansichten ausprobieren will dieses Konzept. Es soll keineswegs ermuntern, vertraute Traditionen zu ignorieren, sondern mit ihnen spielerisch umzugehen. "In diesem (auch anstrengenden) Spiel werden beständigere Verbindungen zur Tradition geknüpft als durch reine Trainingsprogramme zur Einübung feststehender Werte und Normen." Es versteht sich von vornherein als Bausteinkasten, aus dem wahlweise ausgesucht und das Ausgesuchte in den eigenen RU integriert werden kann.
Das Wissen um die seinerzeit "unmittelbare" Wirkung der Gleichnisse Jesu auf seine Zuhörerschaft, die im RU nachzustellen zuweilen manch tragikomische Verrenkung erfährt, soll mit einem einfachen, wohl gerade deshalb genialen Kniff aufgegriffen werden: Nicht der biblische Text, sondern die eigenen Sinne bzw. die "sinnenhafte" Erfahrung der Schüler werden zum Ausgangspunkt des RU gemacht, der situative Ansatz also nicht zum nachrangigen Vehikel eines Textes, sondern an den Anfang der Auseinandersetzung gestellt werden. So haben die Unterrichtseinheiten Überschriften wie "fern und nah" und "hart und weich" oder "stehen sitzen liegen"und "lachen weinen" oder "lieben und hassen" oder "genießen und verzichten". Spannungsbögen für die Stufen 5/6 bis 9/10 wären dann "Elementares Wahrnehmen", "eigene Positionen und Bewegungen finden" bishin zum Entwickeln von eigenen "Lebensentwürfen". In dem Abschnitt über das "Leben im Dialog mit religiöser Tradition", wird darauf verwiesen, daß die Bibel selbst schon Ergebnis von Gesprächen, von Erfahrungen und Auseinandersetzungen ist, zum anderen christliche Kerngehalte eher Lebensperspektiven denn feste Inhalte sind, also Sehweisen, Blickrichtungen auf das Leben hin, Wege für Visionen und Verheißungen, Strukturen für Lebensordnungen ermöglichen.
Didaktisch geben die Autoren die "Spieldidaktik" anstelle einer sogenannten "Königsdidaktik" vor. Hier bedarf es entschiedener Positionen, "aber alle Positionen müssen gleichwohl dem Schwanken der Arche entsprechen, also fragwürdig und falsch werden dürfen." Aber das heißt nun beileibe nicht, alles in Rollenspiele umzusetzen.
Ein spannendes Unterrichtskonzept für den Religionsunterricht in der Sekundarstufe I. Ein Unterrichtskonzept, das sogar in den Neuen Bundesländern auf Gegenliebe bei den Schülern stoßen müßte, ohne daß es mit den nivellierenden Ausgrenzungsversuchen durch den immer noch wirkenden Lehrkörper alter DDR-Schule in der real-existierenden LER-Wirklichkeit Brandenburgs gleichzusetzen wäre. Die Grundlage dieses Konzepts ist eindeutig christlich definiert - aber eben nicht mehr eindeutig katholisch oder evangelisch.
Nur, was hat sich der Verlag dabei gedacht, diesen theoretischen Teil nicht vom Schülerbuch zu trennen? Warum wurde zudem hier nur ein Auszug eines Schülerbuches der Stufe 7/8 angefügt? Und warum fällt dieser Auszug dann wieder derart hinter den theoretischen Teil zurück? So heißt es bei den phantasielos, abstraktgehaltenen Aufgabenlogos zu einem Anne-Frank-Text: "'Immer lachend, vergnügt und stets der Mittelpunkt.' Das ist für Anne Frank vergangen. Warum sehnt sie sich nicht mehr danach? Was bringt es, heute diesen Text zu lesen?"
Um mit dem Kabarettisten Matthias Richling zu sprechen: Wörtlich, wirklich nur wörtlich zitiert!
Und so schön die beigefügten 24 Dias auch sind - wer gibt 59,- DM für ein Schnupperbuch aus, dessen Essenz, gekürzt und professionell redigiert auch in einer Fachzeitschrift Platz hätte?

Buechernachlese © Ulrich Karger


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