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Jürgen Alberts

Keplers Traum

Roman. Klett-Cotta, Stuttgart 1989, 259 S., ISBN: 3-608-95467-8, >>> Amazon

"Im Traum wird Freiheit des Denkens gefordert, zuweilen auch dafür, was in Wirklichkeit wohl nicht besteht." oder "Dann ließen die Herren den Galileo allein zurück, marschierten geschlossen aus Marginis Haus, hinaus in die Unwissenheit, die ihnen bequemer war..."
Diese beiden Zitate umspannen in etwa den Bogen eines Romans, in dem ein Privatdozent der Rhetorik im Jahre 1930 den Auftrag erhält, eine Lobrede auf den Astronomen Kepler zu dessen 300. Todestag zu verfassen. Der Auftraggeber hält sich lange Zeit bedeckt, was Arnold Seidenschwarz, seines Zeichens Jude, Sozialdemokrat und gerade frisch und ohne Angabe von Gründen entlassener Dozent der Erlanger Universität noch in arge Bedrängnis bringen soll.
Nachdem sich das Inkognito des bayerischen Fürsten gelüftet hatte und es sich Seidenschwarz im Zickzackgang nicht verkneifen konnte, auf den Schock hin noch beim Stammtisch der "Lügner" ein Bier zu bestellen, ahnte schon einer der Mit-Lügner, daß der für das souper vom Fürsten angediehene Anzug aus einem Stoff für die Ewigkeit gewebt ist. Warum läßt sich ein konservativer Fürst von einem Sozi die Rede schreiben, noch dazu wenn dieser Fürst alles andere als auf den Mund gefallen ist?
Von Kepler wußte A.S. nicht mehr als den Namen. Als er mit einer Apfelsine und zehn Eiern das Sonnensystem nachzustellen versuchte, wurde ihm schwindlig, und er geriet in den freien Fall der Gedanken, der eine einseitig "teutsche"Lobhudelei unmöglich machte.
Wie der vor zwei Jahren erschienene LANDRU ist KEPLERS TRAUM ein Gegenwartsroman aus mehreren Schichten historischer Stoffe, die sich wiederum aus dem gekonnten Wechsel der Erzählperspektiven erschließen: Der träumend, nachdenklich hoffende Arnold Seidenschwarz, der Arnold Seidenschwarz in der Interaktion mit seinen Zeitgenossen und -ein besonderer Genuß- die Dialoge zwischen Arnold Seidenschwarz und seinem jüdischen Gewissen in der Person des Rabbi Blum.
Dem Autoren Jürgen Alberts ist es nicht nur gelungen, auf der Grundlage des staubtrockenen Tabellen-und Zahlenmaterials eines Astronomen unaufdringlich und deshalb unwiderstehlich ein komplexes Weltbild vorzustellen, sondern er bewies mit diesem Roman eine erzählerische Kraft, die eine/n nach der letzten Seite sehr tief in die zum Lesen gewählte Sitzgelegenheit fallen läßt.

Weitere Besprechungen zu Werken von Jürgen Alberts siehe:
Jürgen Alberts: Keplers Traum (1989)
Jürgen Alberts: Hitler in Hollywood (1997)
Jürgen Alberts: Der Violinkönig (2000)

Buechernachlese © Ulrich Karger


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