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Uwe Britten

Ab in den Knast

Thienemann Verlag, Stuttgart 1999. 160 Seiten. 19,80 DM. Ab 13 Jahre, >>> Amazon

Jürgen ist 16 Jahre alt und lebt in nach außen hin geordneten Verhältnissen. Seine Eltern arbeiten beide, er selber ist im ersten Lehrjahr als Kfz-Mechaniker. Doch dann kommt ein Augenblick, an dem sich viele kleine und größere Enttäuschungen in einer Kurzschlußhandlung entladen. Jürgen schlägt einem Imbissbudenbesitzer eine Flasche auf den Kopf und verletzt ihn dabei schwer. Da er nach seiner Verhaftung gleich ein volles Geständnis ablegt, wird Jürgen nur zu 16 Monaten Jugendstrafvollzug verurteilt, was sich bei guter Führung sogar auf ein Jahr verkürzen läßt. Doch selbst ein Jahr zieht sich quälend in die Länge, wenn man den größten Teil der Tage in einer Zelle mit nicht mal fünfeinhalb Quadratmetern verbringen muß und keiner sinnvollen Beschäftigung nachgehen kann. Und dann sind da noch die Mithäftlinge, die einem während der zwei Stunden 'Aufschluß' und der einen Stunde Hofgang das Leben schwer machen können.

Uwe Britten setzt sich mit Jugendlichen auseinander, die in unserer Gesellschaft aus dem Rahmen fallen. Wie schon in seinem Roman 'Straßenkid' ist die Hauptfigur eigentlich nicht außergewöhnlich problembeladen. Jürgens Frust auf ungerechte Lehrherrn und mit sich selbst beschäftigte Eltern teilen wohl eine Vielzahl Jugendlicher, ohne gleich jemanden halbtot zu schlagen. Ob diese Vielzahl jedoch automatisch als besser sozialisiert gelten muß oder einfach nur Glück gehabt hat, bleibt hier offen. In jenem Erzählstrang, der die Tage vor der Straftat beleuchtet, beschreibt der Autor jedenfalls einen durchaus empfindsamen Jungen, der Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung scheut. Nach jeweils einem Kapitel der Vorgeschichte wird das Prozedere des Jugendstrafvollzugs geschildert, beginnend mit der Inhaftierung, den Wochen in der Untersuchungshaft bis zur Gerichtsverhandlung und schließlich die Zeit des Strafvollzugs bis zur Entlassung. Der daraus resultierende 'Kunstgriff', daß die dramatischen Höhepunkte Straftat und Entlassung kurz aufeinander folgen, lenkt den Blick in aller Schärfe auf die Zeit danach. Denn so sehr der Gefängnisalltag Jürgen auch an den Rand der Verzweiflung bringen mag, 'richtig schlimm wird's erst, wenn du wieder draußen bist.'

Dank seiner unfangreichen Recherchen gelingt Uwe Britten einmal mehr die Einblicknahme in einen hermetischen, verdrängungsgefährdeten Nebenraum der Gesellschaft. Jugendliche Gedankengänge und Sprachregelungen sind überzeugend adaptiert und fügen sich stilgerecht in die wohltuend unprätentiöse Erzählweise des Autoren ein. Ohne die Position des Opfers zu vernachlässigen, stellt 'Ab in den Knast' die beinharten Konsequenzen einer Straftat vor, die einige Politiker am liebsten noch verschärfen wollen. Britten wertet nicht, noch bietet er Patentlösungen an. Sein Jürgen ist kein wirklich 'schlimmer Finger', das über ihn gefällte Urteil ist nach den Maßstäben unseres Rechtsstaates gerecht. Die spannende Geschichte ist ergebnisoffen und reizt zur Stellungnahme. Mehr kann ein Buch kaum leisten angesichts einer nach wie vor notwendigen Diskussion über Verantwortung, Sühne und Reintegration jugendlicher Rechtsbrecher.

Weitere Besprechungen zu Werken von Uwe Britten siehe:
Uwe Britten: Straßenkid (1997)
Uwe Britten: Ab in den Knast (1999)

Buechernachlese © Ulrich Karger


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