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Anthony Burgess

Die Uhrwerk-Orange

Roman. Klett-Cotta, Stuttgart 1993, 222 S., ISBN: 3-608-93189-9, >>> Amazon

Anfang der 70iger war "A Clockwork Orange" dank Stanley Kubrik ein Kultfilm, das Buch dazu schrieb Anthony Burgess bereits 1962. Nach dreißig Jahren legt der Klett-Cotta Verlag nun die erste Hardcover-Ausgabe dieses Romans in der autorisierten Übersetzung von Wolfgang Krege vor. Krege hat das scheinbar Unmögliche vollbracht und die Geschichte von Alex nahezu authentisch ins Deutsche übertragen. Alex erzählt nämlich in Nadsat, einer Sprache, vergleichbar der Ganovensprache des 19.Jahrhunderts, die sich vor allem durch ihre Lautmalerei auszeichnet, dabei aber die Comic-Kürzel für Geräusche (Boingboing etc.) bei weitem übertrifft.
Alex berichtet nun in diesem Nadsat von den Überfällen und Mißhandlungen, die er mit seiner Gang (Droogs) an harmlosen Bürgern begangen hat. So ungeheuerlich diese Gewalttaten im Film anzusehen waren, so eigentümlich gefiltert dringen sie beim Lesen durch. Das Nadsat wirkt wie eine Maske und man schlüpft in die "Logik" von Droogs, mit der man das Ausleben dieser Exzesse vorerst nahezu unberührt nachvollziehen kann. Gewalt erzeugt Gegengewalt, und die Regierung hat deshalb eine "Therapie" entwickelt, die Gefängniskosten etc. sparen helfen soll. In einem zweiwöchigem Programm werden die in den 60igern durch Skinner populär gewordenen Erkenntnisse der Verhaltenskonditionierung "konsequent" umgesetzt, und Alex hat daraufhin keine freie Willensentscheidung mehr. Alles was mit Gewalt zusammenhängt, löst fortan Übelkeit und Schlimmeres bei ihm aus. Zum Schluß sorgt Burgess für eine faustdicke, letztlich aber nur folgerichtige Überraschung, die hier nicht verraten werden soll.
Nicht nur angesichts der Hemmungslosigkeit vieler Jugendlicher von heute ist DIE UHRWERK-ORANGE von beklemmender Aktualität. Auch die in diesem Roman beschriebene Herangehensweise der Gesetzeshüter hat offenbar eine zeitlose Komponente. Stichwort: Symptombekämpfung. Was auf den ersten 10 Seiten noch befremdlich erscheint, das Lesen dieses Nadsat-slangs, hindert einen schließlich nicht daran, diesen Roman in einem Zug auslesen zu wollen. Das Packende ist nicht die Gewalt, sondern das Vorführen dieser Gewalt und ihrer Mechanismen, was einen spätestens am Schluß zur differenzierten Stellungnahme zwingt. Daß Buch und verfilmtes Buch zweierlei sind, ist eine Binsenweisheit, aber in diesem Fall ist das Buch, bei aller Wertschätzung für Kubrick, dem Film vorzuziehen.

Weitere Besprechungen zu Werken von Anthony Burgess siehe:
Anthony Burgess: Die Uhrwerk-Orange (1993)
Anthony Burgess: Belsazars Gastmahl (1996)

Buechernachlese © Ulrich Karger


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