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Büchernachlese-Extra: Geschichten über Gott und die Welt

Catherine Clément

Theos Reise

Roman über die Religionen der Welt. Hanser Verlag, München 1998, 716 S., ISBN: 3-446-19265-4, >>> Amazon

Theo, vierzehn Jahre alt, ist enorm gewachsen aber von zarter Konstitution. Gerade seit seinen letzten Wachstumsschüben leidet er an seltsamen Schwächezuständen. Bisher hatte ihn das aber nicht gehindert, Sport zu treiben, Freundschaften zu pflegen - insbesondere mit seiner senegalesischen Freundin Fatou - und in der Schule stets der Klassenbeste zu sein. War Theo allein, verschlang er entweder Bücher oder beschäftigte sich mit anspruchsvollen Computerspielen. Ein "kleines Genie" also, das in letzter Zeit vorzugsweise ägyptische Totenkulte interessiert und am PC als junger Held allem begegnet, was das antike Griechenland an Ungeheuern zu bieten hat.
Eines Tages bricht Theo im Badezimmer ohnmächtig zusammen. Die anschließenden ärztlichen Untersuchungsergebnisse sind niederschmetternd. Auf seine Nachfragen erhält Theo nur ausweichende Antworten. Er ahnt jedoch, daß er vermutlich nicht mehr lange leben wird. Da kommt unverhofft Tante Marthe zu Besuch, eine etwas schrullige und zugleich sehr vermögende Witwe. Sie lädt Theo zu einer Weltreise ein. Es sollen dabei Heiler aufgesucht werden, die die Schulmedizin zwar nicht sonderlich ernstnimmt, nichtsdestotrotz aber durchaus erfolgreich sind. Mit dem Versprechen, daß Theo unterwegs auch regelmäßig in konventionellen Krankenhäusern untersucht wird, darf er die Einladung einnehmen. Es beginnt eine Reise, bei der Theo auf viele ranghohe Vertreter verschiedener Religionen trifft und dabei nicht zuletzt dank seiner ausdauernden "Frageritis" immer mehr zu sich und dem bis dato vor ihm verheimlichten toten Zwilling findet.

Die als Anekdote im Vorwort gehandelte Eröffnung, daß der französische Verleger Claude Cherki eigentlich nur einen Anschluß-Bestseller für 'Sophies Welt' suchte, ist zwar ziemlich dreist, aber der Philosophin, Anthropologin, Romanautorin und Weltreisenden Catherine Clément ist die Auftragsarbeit derart gut gelungen, daß sie in Frankreich bereits auf große Resonanz stieß.
Neben den unterschiedlichen Ausformungen von Judentum, Christentum und Islam lernt Theo den Buddhismus, den Hinduismus, den Konfuzianismus, den Shintoismus, den Taoismus und den Armana-Kult kennen. Catherine Clément nutzte die Chance des Themas und führt die Religionen nicht als abstrakte Theoreme vor, sondern in Gestalt bekennender Individuen. Diese laden zu anschaulich geschilderten Riten an ebenso plastisch beschriebenen Kultorten in ihren Heimatländern ein. Bei aller Unterschiedlichkeit haben diese Gläubigen eins gemein: Als Freunde von Tante Marthe sind sie allesamt tolerant gegenüber Anders- und Nichtgläubigen. Da sie zum Teil auch noch untereinander bekannt sind und beim Zusammentreffen keine Stichelei gegeneinander auslassen, werden die "unvereinbaren" Positionen genauso deutlich wie die vielen überraschenden Gemeinsamkeiten. Überhaupt hat die Autorin ihren Handlungsträgern eine "Menge Fleisch" mit auf den Weg gegeben und sie so zu spannungsreichen Personen entwickelt. Das gleicht dann auch die geradezu märchenhafte Fassade der Familie Fournay aus, die in ihrer Wohlhabenheit und ihrem liebevollem Miteinander erstmal nicht ganz von dieser Welt zu sein scheinen. Gekonnt und realitätsnah auch der Einstieg: Die Eltern "bewußt" areligiös, wird erst in der Ausweglosigkeit die Religion zum letzten Strohhalm. Selbst Tante Marthe erweist sich bald als antiklerikale und kritische Agnostikerin, die eigentlich nur gewisse Übungen für nachvollziehenswert hält. Theo dagegen findet in jugendlicher Unbefangenheit immer leichter Zugang zu den spirituellen Wegen der Religionen. Bei aller Wertschätzung dieser Erfahrungen empört er sich jedoch ebenfalls über die fanatisierenden Auswüchse, vor denen keine Religionsgemeinschaft gefeit zu sein scheint. Am Ende ist er dem "Göttlichen" auf der Spur, ohne sich schon auf einen Weg festlegen zu lassen.
Angst vor Indoktrination oder der Bevorzugung eines Glaubens muß man bei der Lektüre dieses Buches nicht haben. Andererseits geht das Buch weit über eine distanzierte religionskundliche Erhebung hinaus, unterstreicht es doch auf jeder Seite den Wert religiöser Fragestellungen. Reizvoll hierbei auch der zuweilen spürbar französische Blickwinkel: Das eventuelle Befremden hinterfragt da ganz von selbst gedankenlose Gleichsetzungen von Herkunft und Religionszugehörigkeit. (Von wegen: Alle Türken sind Moslems...)
Das umfangreiche Stichwortregister im Anhang erlaubt auch das gezielte Nachschlagen von Themen und Begriffen.
Ähnlich wie 'Sophies Welt' ist dieses Werk auszugsweise im Unterricht Jugendlichen ab 13 Jahren, zum Selberlesen frühestens ab 16 Jahren zu empfehlen.

Weitere Besprechungen zu Werken von Catherine Clément siehe:
Catherine Clément: Theos Reise (1998)
Catherine Clément: Theos zweite Reise (2006)

Buechernachlese © Ulrich Karger


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