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Irene Dische

Zwischen zwei Scheiben Glück

Erzählung. Hanser Verlag, München 1997, 82 S., ISBN 3-446-19080-5, >>> Amazon

Herr Dr. Nagel war ein sehr unnahbarer, prinzipienstrenger Mann, sein Sohn Laszlo dagegen bezeichnete sich stets als "Glückspilz". Mit zwanzig schwängerte er die sechzehnjährige Dalia, heiratete sie, schloß ein Jahr später sein Jurastudium ab und bekam einen Posten im diplomatischen Dienst Ungarns. Als Anerkennung machte ihm Herr Dr. Nagel ein "imposantes Geschenk: ein Auto." Nur kurze Zeit später stirbt Dalia. Laszlo ist zu schnell gefahren. "Dalias Tod machte Laszlo Nagel für eine Weile sehr traurig. Aber dann schlug sein Naturell wieder durch. Er konnte es nicht ändern, er liebte das Lebendigsein." Laszlo nimmt alsbald seinen kleinen Sohn Peter für einige Zeit mit nach Berlin. Es ist das Berlin nach der Machtübernahme durch Hitler. Für Peter wird jeder Tag zu einem rauschenden Fest voller Illusionen. Laszlo überschüttet ihn mit seiner Vaterliebe, die "nur" eines nicht kennt: Die Offenlegung der wahren Verhältnisse. So will Peter endlich mal einen dieser "bösen Juden" kennenlernen - dabei ist er nach Lesart der Nazis selbst ein "Halbjude". Schließlich muß Peter wieder zu seinem Großvater zurückkehren. Er lebt nur noch für die allwöchentlichen Briefe aus Berlin, die er ebenso regelmäßig beantwortet. Als Peter kurz vor Ende des Krieges heimlich in das Arbeitszimmer Dr. Nagels geht und entdeckt, daß die überschäumenden Briefe der letzten Monate allesamt vom Großvater formuliert wurden, revoltiert er nicht, sondern beantwortet weiterhin die Briefe...
Irene Dische erzählt einmal mehr von einer "Frommen Lüge". Die Liebe zwischen den Menschen aus drei Generationen ist eine "unausgesprochene Liebe" und hat etwas tragisch Papierenes an sich - wie die Briefe Laszlos an den Sohn Peter. Mehr Schein als Sein. In ihrer Diktion ist Irene Dische beherrscht, ja ausgesprochen kühl - auch bei den Schilderungen des trügerisch lebenslustigen Miteinanders von Laszlo und Peter in Berlin. Der Satzbau ist zwar einfach gehalten, aber die Wortwahl, welche die Sicht des kleinen Peters vermitteln soll, geriet mehr als anspruchsvoll. Zudem ist Peters Sicht von schicksalhaften Wendungen geprägt, auf die er als Kind keinen Einfluß hat und die sich ihm nicht in ursächlichen Zusammenhängen erschließen. Aber nur wer bereits in kausalen Zusammenhängen denken und den historischen Kontext mitzuempfinden vermag, wird hiervon berührt und sich am Ende viele Fragen stellen können - und müssen; zum Beispiel auch: Warum erweist sich der dröge Großvater auf einmal als einzig empfindsam verläßliche Instanz für Peter? Das lapidare Erklärungsfragment zuletzt, daß Laszlo wegen der Unterstützung flüchtender Juden hingerichtet wurde, erklärt nur wenig. Zur Identifikation bietet sich keiner der drei an. Peter, Laszlo und der Großvater sind lediglich in groben Strichen skizziert, füllen eng begrenzte Funktionen innerhalb einer Studie aus. Für erwachsene Dische-Fans sicher von großem Reiz - aber ist das ein Buch für junge Leser? Gar ab 12 Jahre? Daß Irene Dische erzählen kann, steht außer Zweifel. Auch der Erzählgrund ist triftig. Aber der kühl prosaische, meist nur von Andeutungen anstelle von Entfaltungen lebende Erzählstil wird bestenfalls bei Jugendlichen des engsten Betroffenenkreises unmittelbaren Widerhall finden.

Weitere Besprechungen zu Werken von Irene Dische siehe:
Irene Dische: Fromme Lügen
Irene Dische: Zwischen zwei Scheiben Glück

Buechernachlese © Ulrich Karger


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