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Peter Glotz

Im Kern verrottet?

Fünf vor zwölf an Deutschlands Universitäten. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1996, 158 S., ISBN: 3-421-05029-5, >>> Amazon

"Die Universitäten sind im Kern verrottet," resümierte bereits Anfang der neunziger der damalige Vorsitzende des Wissenschaftsrates Dieter Simon. Peter Glotz, bildungs- und forschungspolitischer Sprecher der SPD , stellt dieser Aussage nun in drei Kapiteln seine Thesen gegenüber.
Die summarische Schilderung des Ist-Zustandes am Anfang des Buches macht deutlich, daß es ihm keinesfalls um eine moralische Auslegung dieser "Kernfrage" geht, sondern um den strukturellen Niedergang universitärer Bildungs- und Forschungsstätten in Deutschland. Diese Strukturen sind denn auch nicht "im Kern verrottet", sondern schlicht krank - und damit noch heilbar.
Die Bundesrepublik ist im internationalen Vergleich zwischen 21 Staaten auf die Plätze 17 und 21 abgesunken, wenn man die Anteile der Gesamtausgaben für Hochschulen und Bildung am jeweiligen Bruttoinlandsprodukt zugrunde legt. Glotz räumt dabei ein, daß diese Fehlentwicklung über die Jahre hinweg bis zum aktuellen Machtpoker zwischen Bund und Ländern parteiübergreifend zu verantworten ist - nur: "Zänkisches Aufrechnen bringt niemandem etwas."
Dann geht Glotz, selber Professor an der Uni München, ans Eingemachte: Die Kommunikationsstränge innerhalb der Hochschulen sind desolat beziehungsweise die Bereitschaft der Disziplinen, Forschungsergebnisse mit der Lebenspraxis handelnder Menschen in Beziehung zu setzen, mangelhaft - ganz zu schweigen vom interdisziplinären Austausch. Es haben sich in der Bundesrepublik 4000 Klein- und Kleinststudiengänge herausgebildet, mit der Folge: "Die Universität gibt tausend Einzelantworten, traut sich eine Synthese und die Arbeit der Zuspitzung aber gar nicht mehr zu." Anstatt sich den großen Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte zu stellen, zum Beispiel der künftigen Umwandlung in eine Informationsgesellschaft (Stichwort: Multimedia), wird in Deutschland Fakultät für Fakultät "gehorsam rezipiert".
"Das eigentliche Problem aber liegt in der vorsintflutlichen Managementstruktur der Hochschulen; und dieses Defizit haben Staat und Hochschule höchst gemeinsam verursacht." Nachwievor gibt es festgelegte Einzelbudgets, von denen keine Mark ins folgende Steuerjahr übertragen werden darf, was wiederum Dezember für Dezember ein "wildes Ausgabenfieber"ausbrechen läßt. Was aber das Gejammere hiesiger Dozenten und Professoren über die derzeitigen Studentenjahrgänge angeht, führt Glotz sehr treffend Dieter Langewiesche an: "So mancher Doktor, der über den Leistungsverfall der deutschen Massenuniversität klagt, würde heute statt des immer noch klingenden Doktortitels lediglich den glanzlosen Magistergrad erhalten."
Im folgenden referiert Glotz die "großen Würfe" wie die Vorschläge zur Hierarchisierung (Herausfiltern der Eliten oder die Trennung von Forschung und Lehre), zur Privatisierung oder zu einem Bildungsgutscheinsystem - aber die sorgten allesamt nur für eine "wunderbare bengalische Beleuchtung", änderten aber nichts an der Realität. Der einzig erfolgversprechende Weg sei ein bereits 1987 von Martin Trow vertretener Ansatz, nämlich "eine Strategie von unten(..), eine Strategie des Losbindens, der Entkoppelung.(..) Der Staat muß Leine lassen, und die Leute in den Hochschulen müssen eigene Wege gehen." Dies würde einen sinnvollen Wettbewerb zwischen den Hochschulen eröffnen, erforderte aber auch eine Neustrukturierung der Mittelzuweisungen.
Glotz ist desweiteren für die Einführung von Studiengebühren (in etwa 1000 DM pro Semester). Ist er damit ein Verräter ursozialdemokratischer "Grundwerte"? Glotz hält dagegen, daß immer mäßiger werdende Studienbedingungen zum Nulltarif keine Chancengleichheit fördern, und es sei auch nicht einzusehen, daß Kindergartengebühren legitim, Studiengebühren für Menschen mit Aussicht auf ein überdurchschnittliches Lebenseinkommen aber illegitim seien. Und natürlich will er die Zugangsmöglichkeiten von Kindern aus der "Arbeiterschicht" keineswegs verschlechtern. Im Gegenteil: Mit seinen vorgestellten flankierenden Maßnahmen seien diese unterm Strich sogar noch zu verbessern. Dazu müßten unter anderem die Stipendien für Kinder aus "Arbeiterhaushalten" verstärkt, die überdurchschnittlichen Bezüge von Verwaltungsstudenten (Beamtenanwärtern) nivelliert, ein Studienfonds "zur Qualitätssicherung der Hochschulen" eingerichtet und der Staat zu einem realistischem Beitrag an der Studienfinanzierung verpflichtet werden. Dagegen wäre die bisherige unzureichende Anpassung der Bedarfssätze und Freibeträge dafür verantwortlich, daß bereits jetzt immer mehr Familien "aus dem System herausgefallen" seien. (Der Anteil von Studenten aus einkommensschwachen Schichten ist in den letzten zwölf Jahren von 24% auf 12% gesunken.) Demnach sind also keine "exorbitanten zusätzlichen Mittel" nötig, sondern ein Durchforsten der unterschiedlichen Formen des Bildungstransfers(Kindergeld, Kinderfreibeträge, Wohngeld). Grundvoraussetzung sei allerdings, daß "die Galgenvögel von Finanzministern" die einzunehmenden Studiengebühren nicht zweckentfremden und der Staat die Studenten nicht für die Grundsicherung eines Studiums zweimal zur Kasse bitten.
Spätestens die letzeren Einlassungen gemahnen an das Kleingedruckte in einem Vertrag oder an den berüchtigten "Pferdefuß". Glotz muß sich von daher zumindest den Vorwurf gefallen lassen, daß sein Eintreten für "Entkoppelung" wohl seriös pragmatisch gemeint ist, dem realen Kontext politisch lobbyistischer Prioritätensetzungen aber nicht länger als eine Seifenblase standhält.
Fazit: Peter Glotz erweist sich in seinen Überlegungen durchaus als ein kultivierter Polemiker. Zuweilen punktgenaue Zuspitzungen korrespondieren mit dem Wissen um die Fehler aus den eigenen Reihen und dem Streben nach vermittelnder Sachlichkeit. Seine Kernthesen zur Kommunikationsstruktur und zur "Strategie der Entkoppelung" sowie das Verpflichten des Staates zur entsprechenden Rahmensetzung sind allerdings mehr der literarischen Fiktion vom Wünschenswerten als dem politisch durchsetzbar Gewolltem geschuldet. Ein Peter Glotz allein, und sei er noch so integer, kann in das Geflecht aus Eigennutz und Eitelkeiten keine Bresche schlagen. Seine Intentionen werden höchstens ins Gegenteil verkehrt wie derzeit das Integrationsmodell bei steigenden Klassenfrequenzen und verringertem Lehrerpersonal in den allgemeinbildenden Schulen.

Weitere Besprechungen zu Werken von Peter Glotz siehe:
Peter Glotz: Im Kern verrottet? (1996)
Peter Glotz: Die Jahre der Verdrossenheit (1996)

Buechernachlese © Ulrich Karger


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