Startseite: Büchernachlese
Büchernachlese
Rezensionen-Archiv Ulrich Karger
Belletristik | Krimis | SF | Sachbuch | Kinder-& Jugend
Information zur Büchernachlese auf facebook - schön, wenn es
www.buechernachlese.de

Büchernachlese-Extra: Außergewöhnliche Morduntersuchungen

Mark Haddon

Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone

Roman. Aus dem Englischen von Sabine Hübner. Blessing Verlag, München 2003. 283 Seiten. 18,00 Euro. ISBN: 3-89667-228-2, >>> Amazon

Null Uhr sieben. Im Garten gegenüber liegt der Hund der Nachbarin, durchbohrt von einer Mistgabel. Christopher geht sofort zu ihm und untersucht ihn auf Lebenszeichen, doch Wellington lebt nicht mehr. Der 15-jährige mag Hunde. Hunde lügen nicht. Und Christopher ist davon abhängig, dass alles eindeutig ist und seine Ordnung hat. Er leidet unter dem Asperger-Syndrom, eine leichtere Form des Autismus, die in seinem Fall u. a. keine körperliche Nähe zu anderen Menschen erträgt, zwanghafte Vorlieben und Abneigungen für bestimmte Farben entwickelt - was auch für die Farben des Essens gilt - und abhängig ist von genau eingehaltenen Zeit- und Raumplänen. Christopher ist aber keinesfalls dumm. Er steht kurz davor das Matheabitur abzulegen und eben jenes Buch zu vollenden, das man gerade in Händen hält. Doch wenn er sich am Anfang des Romans entschließt, den Mord an Wellington aufzuklären, muss er sich bald in mehrfacher Weise selbst überwinden und überaus großen Mut beweisen.
Christopher mag keine Metaphern - aber er schätzt Vergleiche, denn (zumindest gute) Vergleiche lügen nicht. Deshalb sei hier auch etwas zu Vergleichen dieses bereits in 24 Ländern erschienenen Romans von Mark Haddon mit anderen Werken gesagt. Sie hinken allesamt ein wenig, weil "Supergute Tage" etwas wirklich Einmaliges darstellt. Wer hat noch selbst "Fänger im Roggen" gelesen? Aber es sind Millionen, die vor nicht allzu langer Zeit von Tom Hanks als "Forrest Gump" oder von Dustin Hoffman als "Rain Man" im Kino ganz unmittelbar angerührt wurden. Christopher Boone mit seiner hohen kognitiven, vor allem mathematischen Intelligenz und seiner Abwehr körperlicher Nähe steht mit ihnen auf Augenhöhe. Das alle drei verbindende Element ist die zuweilen unbarmherzig kindliche Ehrlichkeit, mit der wir hier als Leser konfrontiert werden. Und neben der daraus resultierenden Verblüffung reizen Christophers äußerst nüchtern vorgetragene Schlussfolgerungen auch immer wieder das Zwerchfell. Abgesehen von einer Ungereimtheit (s. S. 108 und 110 unten) gelingt es dem Autor (und auch der Übersetzerin Sabine Hübner!), für den Ich-Erzähler Christopher eine so glaubwürdige wie mitreißende Sprachregelung zu finden, die einen sofort auf die Seite dieses Helden zieht.
Nur, rührselig ist das Ganze an keiner Stelle. Hier wird auch die Geschichte von zwar sehr bemühten, oft aber auch hoffnungslos überforderten Eltern erzählt, und von Mitschülern, die "dümmer" sind als Christopher, und von Lehrern, Polizisten usw.. Außerdem, spätestens ab der zweiten Hälfte wird man zum Seitensauger. Denn dann weiß Christopher wer der Mörder Wellingtons ist und muss ganz allein nach London fliehen.
Mark Haddon hat uns hier, nicht zuletzt auch dank seiner Vorerfahrungen als langjähriger Mitarbeiter in Behinderteneinrichtungen, einen wunderbar erhellenden Einblick in eine für viele fremde Welt gegeben. Dafür und wie grandios er seine Kenntnisse umgesetzt hat, bleibt ihm sehr zu danken. Und ja: Ein Muss-Buch!

Weitere Besprechungen zu Werken von Mark Haddon siehe:
Mark Haddon: Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone (2003)
Mark Haddon: Der wunde Punkt (2007)

Buechernachlese © Ulrich Karger


NB!: Impressum, Disclaimer, Datenschutzerklärung | Hinweise u.a. fürs Kopieren und Zitieren eines Artikels von Ulrich Karger unter Kontakt-FAQ.
>>> Amazon: Direktlinks zu Amazon für neue & gebrauchte Buchexemplare. Ältere Titel sind bei Amazon z.T. (noch) nicht oder etwas anders gelistet. Hier, soweit angegeben, Buchpreise des Erscheinungsjahrs



[BB]