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Horst Herrmann

Kirchenfürsten

Zwischen Hirtenwort und Schäferstündchen. Rasch und Röhring, Hamburg 1992, 431 S., ISBN: 3-89136-448-2, >>> Amazon

Küng und zuletzt Drewermann waren bis zu ihrem Rausschmiß konstruktiv um neue Wege innerhalb der katholischen Kirche bemüht. Destruktive Kritiker wollen diese Kirche weder reformiert noch sonstwie weiterhin dulden. K. Deschner z.B. ist derart vom Katholizismus traumatisiert, daß er sogar das Christentum per se als Ursache allen kirchengeschichtlichen Übels ansieht. Einen telegenen Verbündeten scheint Deschner nun schon seit längerem in Horst Herrmann gefunden zu haben, der dieses Jahr mit "KIRCHENFÜRSTEN - Zwischen Hirtenwort und Schäferstündchen" den Buchmarkt bedient.
Zwei Glanzlichter sind hierin auszumachen. Ab Seite 122, wenn H.H. die Doppelmoral katholischer Würdenträger zwischen fünftem Gebot und blanker Kriegsverherrlichung mit spitzer Feder glossiert und ab Seite 262, wenn er dem nicht vorhandenen Demokratieverständnis katholischer Kirchenfürsten dasselbe angedeihen läßt. Das leuchtet inklusive vereinzelter anderer Absätze auf etwa 15 Seiten. Ansonsten durchzieht das ganze Werk ein faseliger Unterton der Rechthaberei, der nun endlich etwas scheinbar ganz Eindeutiges mit vielfachem Kehrreim zu besingen hat, nach dem Motto: Schlagt die (katholischen) Kirchenfürsten in die Flucht und alles Elend hat ein Ende! Martin Luther King sagte einmal sinngemäß, daß die Mittel, um Gerechtigkeit oder eine Bedrohung abzuwenden, schon das Ziel widerspiegeln müssen. H.H. setzt aber ausschließlich auf die skandalöse Sensationsbeschau. Reichen ihm die aktuellen Beispiele, die doch wahrhaftig vertiefenswürdig genug sind, zur Findung des Superlativs nicht aus, hüpft er flugs ein-, zwei Jahrhunderte zurück, und wenn das nicht reicht, anderthalb Jahrtausende. Für diesen Effekt läßt er auch Wesentliches offen: Das beginnt beim Titel, dem das Attribut "katholisch" nicht schlecht angestanden hätte, da H.H. nur über jene Kirchenfürsten etwas auszusagen weiß - aber so allumfassend paßt das eben besser in die derzeitige Talkshowbesetzungslandschaft mit ihren kurzen Rede-und Bedenkzeiten. Und für den Effekt muß dann auch schon einmal das Zitat von Deschner her, nach dem das Christentum seit 17 Jahrhunderten das "Blatterngift der Menschheit" gewesen sei. Deschner versuchte dazu immerhin auf tausenden von Seiten den Nachweis zu erbringen, H.H. setzt das "mal eben so" und ohne Relevanz für die bisher gemachten Aussagen ein. Er mißt, im Gegensatz zu Deschner, das Handeln der Kirchenfürsten ja durchaus und zurecht an der Botschaft Jesu, eine klare Stellungnahme zu Jesus gibt er aber nicht ab. Dabei muß er doch zumindest als ehemaliger Priester ein Verhältnis zu dessen Botschaft gehabt haben. Nennt H.H. Zahlen, stehen sie in keinem nachvollziehbaren Verhältnis und wurden von ihm willkürlich zusammengezogen. Damit führt er seine zweifelsohne berechtigte Kritik ad absurdum und erweckt einmal mehr den Ruch des Unseriösen.
"Solche Fakten erregen keinen wahren Laien. Gläubige sind so erzogen, daß sie alles decken, was Bischöfe tun oder lassen. Kein Schaf wendet sich gegen den Hirten."
Dieses in Abwandlung mehrfach wiederholte Zitat wirft zudem die Frage auf, an wen der Autor seine Botschaft denn eigentlich adressiert hat. An die dummen Schafe? Die wollen doch keine Veränderung und werden H.H. nichts abkaufen. Außerdem: Wie ist denn eigentlich H.H. die Überwindung seiner diesbezüglichen Dummheit gelungen? Keine Rede davon in seinem Buch! Die anderen aber wissen längst, was H.H. aus anderen Büchern zitiert und hier nun unter einem neuen Oberbegriff vorgelegt hat. Wer akribisch genau die Verfehlungen der Kirchenfürsten über die Jahrhunderte hinweg studieren wollte, hat es vermutlich schon bei Deschner getan, der von 999 unkommentierten Quellenhinweisen auf 404 Textseiten 152 mal genannt wird. Das ist auch insofern kein Wunder, als beide, Herrmann und Deschner, literarisch in einem gemeinsam verwirklichten ANTIKATECHISMUS vereinigt sind. Wer die Bücher von H.H. gelesen hat, wird in diesem vermutlich ebenfalls nichts Neues erfahren: Bescheiden wie er offenbar ist, hat er sich lediglich 92 mal zitiert und dabei kaum eine seiner letzten Veröffentlichungen ausgelassen. Herrmann entspricht im Grunde  selbst seiner Definition eines Kirchenfürsten: Arrogant und rechthaberisch will er lediglich seinen schlüpfrig-wuchernden Stoff ausschütten, anstatt sich mit diesem als einer Grundlage auf ein Thema und die Menschen einzulassen. Das ginge aber nur mit der Fähigkeit zum Selbstzweifel und würde außerdem nicht so gut honoriert. Sein Buch jedenfalls ist so wichtig wie ein Kropf.

Weitere Besprechungen zu Werken von Horst Herrmann siehe:
Horst Herrmann: Kirchenfürsten (1992)
Horst Herrmann: Hrsg. der Reihe "Was ich denke" (1995)

Buechernachlese © Ulrich Karger


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