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Siegfried Lenz

Arnes Nachlaß

Roman. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1999, 207 S., ISBN: 3-455-04289-9, >>> Amazon

Arne ist der einzige Überlebende eines Selbstmorddramas. Der 12-jährige wird von einem Schiffsabwracker aufgenommen, der mit Arnes Vater seit langem befreundet war. Während er, seine Frau und sein ältester Sohn Hans den verstörten Jungen sehr schnell liebgewinnen, bleiben die fast gleichaltrigen Geschwister Lars und Winnie bis zuletzt auf Distanz zu Arne. Arne ist anders, er sieht in seiner Phantasie Dinge, die es gar nicht gibt und ist in der Schule ein sprachbegabter Überflieger, der alsbald eine Klassenstufe überspringt. So gelangt er in Winnies Klasse, in die er sich von Anfang an verliebt hatte. Doch das Mädchen verhilft ihm noch nicht einmal zu der ersehnten Aufnahme in ihrer Clique. Am Ende stürzt Arne sich in die Elbe und wird nicht wieder gefunden.
In dem neuesten Roman von Siegfried Lenz räumt der knapp 20-jährige Hans die Hinterlassenschaften Arnes zusammen und hangelt sich nun an ihnen von Assoziation zu Assoziation. Seine Sprache erinnert dabei an die Zeiten Storms oder Fontanes, als die Arbeiten eines jeweiligen Landstriches noch den allgemeinen Sprachgebrauch prägten. Ohne jeden Anglizismus hat das einen wunderbaren Klang und ist von hoher Ausdruckskraft. Doch man kann sich an dieser Sprache solange besoffen lesen wie man will, früher oder später sind die Mängel der Komposition unübersehbar. Das ist weder Fisch noch Fleisch, weder Psychogramm noch Jugendbuch. Dabei hätte gerade ihre Sprache zu einer gelungen quergebürsteten Irritation verhelfen können, spielt die Geschichte doch angeblich in den letzten Jahren unseres Jahrzehnts. Sie erweist sich jedoch schließlich nur als das Verführerischste einer Serie von Anachronismen, die einen am Ende das Buch verärgert zuklappen lassen. Wo gibt es u.a. noch Gymnasien, in denen Schüler aus höheren Klassen als "Vorturner" für jüngere agieren? Nota bene: Das Ganze soll sich dieser Tage in Hamburg begeben haben! Jener verläßliche "Vorturner" ist natürlich der Erzähler Hans, dessen behaupteter Altruismus neben seiner ebenso behaupteten Altersweisheit das Niederschmetterndste an diesem Werk ist. Klaglos überläßt der seinerzeit 17-jährige die Hälfte seines kleinen Dachzimmers und findet es auch nicht weiter erklärungsbedürftig, das sich der 12-jährige immer wieder bei ihm trostsuchend ankuschelt. Hans ist von solch antiseptischer Beschaffenheit, das man ihm das "Unschuldige" solcher Situationen sofort glaubt - doch dessen Antiseptik wird genauso nur behauptet, wie auch seine Eltern ganz "einfach nur helfen" wollen. Unberührt von den vielfältigen Medien unserer Zeit, scheint es außer Telefon und Plattenspieler in diesem dramatisch aufgeladenen Bullerbü bei Hamburg auch weder Sozialämter, noch Therapeuten oder auch nur halbwegs psychologisch sensibilisierte Lehrkräfte zu geben - und ihr Fehlen nimmt Lenz so selbstverständlich hin, wie es vielleicht noch für die Nachkriegszeit zu akzeptieren gewesen wäre. In seiner elfenbeintürmernen Ahnungslosigkeit ist dieser "Roman" insgesamt eine große Enttäuschung und kann auch nicht als "Alterswerk" entschuldigt werden.

Weitere Besprechungen zu Werken von Siegfried Lenz siehe:
Siegfried Lenz: Ludmilla (1996)
Siegfried Lenz: Arnes Nachlaß (1999)

Buechernachlese © Ulrich Karger


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