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Mona Yahia

Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom

Roman. Aus dem Englischen von Susanne Aeckerle. Eichborn Verlag, Frankfurt a. M. 2002. 426 Seiten. 22,00 Euro. ISBN: 3-8218-0913-2, >>> Amazon

Lina hat der zugelaufenen Katze Curry versprochen, bei ihrer Abfahrt etwas besonderes zum Fressen zu spendieren. Als Lina von ihrer Mutter mit einem 'Currys Hühnchen ist fällig!' begrüßt wird, ist die sechzehnjährige hin und her gerissen. Denn die Abfahrt ihrer Familie ist die Flucht aus einem nicht nur für Menschen jüdischen Glaubens unerträglich gewordenen Irak Ende der 60er. Zurückgelassen und weitaus unter Wert verkauft werden nicht nur viele liebgewordene Gegenstände, sondern vor allem auch die Erinnerungen an eine nichtsdestotrotz unbeschwerte Kindheit, die jedoch mit zunehmenden Alter immer mehr von den grauen VW-Käfern der Geheimpolizei bestimmt wurde.
Mona Yahia versteht es in ihrem Romandebut wunderbar, die Ballance zwischen traumhaft schönen Kindheitssequenzen und dem unverhofft einbrechenden Schrecken durch eine per 'Revolution' einmal mehr ausgewechselte Regierung zu halten. Bei ihr nun gleich an Salman Rushdie zu denken, wird ihr jedoch nicht gerecht. Weitaus interessanter ist da der Vergleich zwischen ihr und dem 1995 vorgelegten Roman 'Victoria' von Sami Michael (s. Rezension), worin eine alte jüdische Frau auf das Leben im Bagdad der 20er Jahre zurückblickt. Im Gegensatz zu ihr wächst Lina in einer modernen, fast schon säkularen Familientradition auf, die auch für westliche Kultureinflüsse ganz selbstverständlich offen ist. Umso größer womöglich denn auch die Angst vor dem sich abzeichnenden Radikal-Islamismus mit seinen entsprechenden Rollenzuweisungen für Frauen. Auch wenn sich Geschichte nicht in allen Einzelheiten wiederholt, erschrecken insbesondere die Schilderungen, wonach Juden immer wieder als politische Sündenböcke für das unmündig gehaltene, leicht zu fanatisierende irakische Volk herhalten müssen. Die stets präsenten grauen VW-Käfer wecken denn auch Assoziationen mit den Verfolgungen durch die Gestapo. Juden wurden reihenweise ohne Angaben von Gründen festgenommen und willkürlich erst nach Wochen freigelassen. Nicht selten auch wurden ihre Leichen vor den Volksmassen aufgehängt, nachdem sie zuvor aufs Grausamste gefoltert worden sind. Noch erschreckender womöglich ist jedoch, dass die westliche Welt im Zeitalter des ersten Mondfluges davon nur kaum etwas mitbekam oder auch nur mitbekommen wollte.
Doch ohne auch nur ein Detail zu verharmlosen, verstehen Mona Yahia und ihre Übersetzerin Susanne Aeckerle es vorzüglich, selbst solche Passagen einer faszinierend melodiösen Sprache unterzuordnen, die einen von der ersten bis zur letzten Seite in Bann hält.

Buechernachlese © Ulrich Karger


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