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David Almond

Feuerschlucker

Erzählung. Aus dem Englischen von Ulli und Herbert Günther. Hanser Verlag, München Wien 2005. 203 Seiten. 15,90 EUR. Ab 11 Jahren. ISBN: 3-446-20601-9, >>> Amazon

1962 in einem kleinen Kaff an der Küste Englands, in der Nähe von Newcastle. Für Bobby Burns stand der Schulwechsel in die höhere Schule an, und wie sich zeigen sollte, hatte er für sein flaues Gefühl in der Magengegend durchaus gute Gründe. Nicht nur wegen des bittersüßen Abschiedsschmerzes von der Kindheit und seinen besten Freunden. Ailsa hätte zwar dieselbe Schule wie Bobby besuchen können, aber nach dem Tod der Mutter meinte sie, ihren Vater und die Brüder versorgen zu müssen. John, schon etwas älter, wollte bald wie sein Vater auf dem Bau arbeiten. Sie beide machten Bobby Mut, sich der Herausforderung zu stellen. Er freute sich nun sogar schon ein wenig auf die neue Schule. Doch dann eröffnete der erste Schultag einen Reigen voller Enttäuschungen.
Der Autor David Almond, Jahrgang 1953, stammt wie sein Ich-Erzähler aus Newcastle. Seine Schilderungen des seinerzeit scheinbar so übersichtlichen Lebens in einem kleinen Küstenort sind offenkundig mit viel Herzblut geschrieben. Dennoch ist ihm das Ganze nicht zu einem nostalgisch verklärten Rückblick geraten. Im Gegenteil. Sehr anschaulich führt er die Wechselwirkung von Historie und persönlichen Begebenheiten vor. So lernt Bobby auf dem Markt einen Feuerschlucker kennen, der ihm Angst einflößt und ihn zugleich sehr anzieht. Wie sich herausstellt, ein seelisch versehrter Kriegsveteran, der gemeinsam mit Bobbys Vater in Burma gekämpft hatte. Dessen erschütterndes Schicksal korrespondiert bald mit der alles überdeckenden Gefahr eines III. Weltkriegs - John F. Kennedy, "Schweinebucht", Kubakrise. Viele beginnen zu beten oder feiern ausgelassen einen Tanz auf dem Vulkan. Die Begegnung mit dem Feuerschlucker und die allgegenwärtige Angst vor dem Krieg klammern die zentrale Frage des Buches ein: Wann ist es sinnvoll zu kämpfen?
Bobby jedenfalls wächst nun über sich hinaus. Als die meisten seiner vom damaligen Zeitgeist geprägten Lehrer meinen, sich über den Gerechtigkeitssinn von Kindern hinwegsetzen und ein Klima der Angst verbreiten zu dürfen, zeigt er Courage. Und es sind die als Hinterwäldler verspotteten Leute aus dem Dorf, nicht zuletzt Bobbys Vater, die seine mutige Haltung als erste verstehen und gutheißen können.
David Almond hat einen Nebenschauplatz der Weltgeschichte zu einer Bühne für Individualisten werden lassen, die allesamt überzeugen und jede pauschale Zuordnung ad absurdum führen. Leise, als antwortete ein Großvater dem Enkel auf die Frage nach der eigenen Kindheit, entfaltet er eine spannungsgeladene, I-punktgenau durchkomponierte Erzählung, die nicht nur Kinder begeistern dürfte und bereits zweifach ausgezeichnet wurde.

Weitere Besprechungen zu Werken von David Almond siehe:
David Almond: Feuerschlucker (2005)
David Almond: Lehmann oder Die Versuchung (2007)

Buechernachlese © Ulrich Karger


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