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Büchernachlese-Extra: Büchernachlese-Bestenliste 2018

Sebastian Barry

Tage ohne Ende

Roman. Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser. Steidl Verlag, Göttingen 2018. 263 Seiten. 22,00 Euro. ISBN: 978-3-95829-518-6, >>> Amazon

Thomas McNulty hat der "Große Hunger" aus Irland und John Cole ein kaum geringerer Hunger aus Neu England in den USA von zu Hause fortgetrieben. Ende der 1840er lernen sich beide in einem Kaff namens Daggsville in Missouri kennen, Thomas gerade 15 Jahre alt und John vermutlich 14. Sie finden dort gemeinsam für kurze Zeit den besten Job ihres Lebens: als Tanzmädchen in einem Saloon für Bergarbeiter. Doch zwei Jahre später sind sie zu kräftig geworden. Einzige Alternative schien ihnen die Armee zu sein. So verpflichteten sie sich für den "miesesten Lohn aller miesesten Löhne", aber "wenn's um Gemetzel und Hungersnot geht, darum, ob wir leben oder sterben sollen, schert das die Welt nicht im Geringsten. Bei so vielen Menschen hat die Welt es nicht nötig."
Von da an müssen sie gegen Indianer und später auch gegen die Rebellen in den Südstaaten kämpfen, und finden längst nicht alles so gut und gerecht, wie es ihre Befehlshaber sehen. Doch das wichtigste ist zu überleben, um für den anderen sorgen zu können. Und da ist nicht nur ihre Liebe zueinander, sondern auch die Liebe beider zu ihrer Adoptivtochter Winona, deren indianische Eltern durch ihre Einheit zu Tode kamen.
"Tage ohne Ende" von Sebastian Barry wurde im Original mit dem Costa Book Award sowie dem Walter Scott-Preis für historische Romane ausgezeichnet. Und die glänzende Übersetzung von Hans-Christian Oeser macht schnell deutlich, warum. Thomas McNulty erzählt nicht nur die Geschichte seines Lebens und seiner Lieben, sondern vermittelt damit zugleich amerikanische Geschichte von unten aus der Sicht eines eingewanderten Iren. Und zwar so, als wären seine Worte frisch aus dem Mund in Druck gegangen, ohne deshalb durchgängig in den Formulierungen ungeschliffen zu sein - im Gegenteil: immer wieder findet sich dicht gepackte Weisheit, Poesie und nicht zuletzt ein subtiler Witz, der dem allgegenwärtigen Wahnsinn zu trotzen sucht.
Grundiert wird das von einer Schwejkschen Sichtweise, die mit politisch korrekten Metabetrachtungen wenig anfangen kann, sondern Einschätzungen danach ausrichtet, ob jemand neben einem verlässlich ist und die da oben einen lebend aus einer Schlacht zu führen vermögen bzw. eine unsinnige Schlacht zu vermeiden wissen. Herkunft, Hautfarbe oder sexuelle Präferenz sind da völlig nebensächlich. Eigentlich.
Entsprechend treffend sind die Charaktere neben Thomas und John gezeichnet, von denen Thomas nirgends behauptet, alles zu wissen und zu verstehen, so wie auch umgekehrt, er und John ihr Geheimnis ja ebenfalls zu wahren wissen. Das Erstaunlichste aber an seiner keineswegs an Brutalität und Not armen Geschichte ist ihr durchgängiger Optimismus, der zugleich ohne großes Pathos das hohe Lied der Liebe singt.
Ein so spannendes wie an Wendungen reiches Leseabenteuer mit einem bitter-süßen Ende, das keinen unberührt lassen wird.

Buechernachlese © Ulrich Karger


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