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Sebastian Barry

Tausend Monde

Roman. Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser. Steidl Verlag, Göttingen 2020. 256 Seiten. 24,00 Euro. ISBN: 978-3-95829-775-3, >>> Amazon

"Könnte sein, dass ich von Dingen rede, die sich 1873 oder 1874 im Henry County, Tennessee, zugetragen haben, doch was Daten betrifft, war ich noch nie verlässlich. Und falls sie sich zugetragen haben, gab es zu der Zeit keine wahrheitsgetreue Darstellung. Es gab nackte Tatsachen und eine Leiche, und dann gab es die wahren Ereignisse, die niemand kannte. Dass Jas Jonski getötet wurde, war die nackte Tatsache."
Winona, die von den einstigen Unionssoldaten Thomas McNulty und John Cole als Sechsjährige adoptiert wurde, erzählt vom Aufwachsen bei den beiden bis zu den Ereignissen um Jas Jonski. Die Idylle ihres bedingungslosen Zusammenhalts und Vertrauens zueinander innerhalb des noch um Lige Magan und die befreiten Sklaven Rosalee und Tennyson erweiterten Familienhaushalts basiert auf vielen "Obwohls". Obwohl als arme Kleinbauern verachtet, trotz des nach wie vor alltäglichen Rassismus gegen Schwarze und Indianer und obwohl Thomas und John während der sogenannten "Indianerkriege" Winonas Familie aus dem Stamm der Lakota mitgetötet hatten - und dann widerfährt Winona während ihres 18. Lebensjahrs Unfassbares, vom dem sie ihren geliebten Adoptiveltern nicht erzählen darf, weil sie sich sonst selbst gefährden würden
"Tausend Monde" von Sebastian Barry knüpft da an, wo sein Tage ohne Ende geendet hat - allerdings nun mit der Stimme Winonas aus der Sicht einer von den Lakota abstammenden jungen Frau, die, von Hans-Christian Oeser einmal mehr kongenial ins Deutsche übertragen, nicht minder authentisch amerikanische Geschichte von unten vorstellt. Das brutale und tragische Was (nicht nur) ihrer Geschichte, das sie von sich selbst dann auch nur noch als "Nichts" denken und reden lässt, hält dem ganzen Wahnsinn einen unverwüstlichen Sinn für lakonische Situationskomik und vor allem eine im Wortsinn unglaubliche Zärtlichkeit wie auch die Fähigkeit zu neuen Liebesbeziehungen entgegen. Thomas und John können da nicht viel falsch gemacht haben.
Spannend und voltenreich bis zur letzten Seite, bietet "Tausend Monde" ein wunderbares Lesevergnügen, dem jedoch unbedingt die Lektüre von "Tage ohne Ende" vorangestellt werden sollte.
Ein so spannendes wie an Wendungen reiches Leseabenteuer mit einem bitter-süßen Ende, das keinen unberührt lassen wird.

Weitere Besprechungen zu Werken von Sebastian Barry siehe:
Sebastian Barry: Tage ohne Ende (2018)
Sebastian Barry: Tausend Monde (2020)

Buechernachlese © Ulrich Karger


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