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Heinz Bude

Abschied von den Boomern

Hanser Verlag, München 2024. 143 Seiten. 22,00 Euro. ISBN: 978-3-446-27986-5, >>> Amazon
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Je nach Definition zählen in Deutschland jene zur "Boomer"-Generation, die zwischen 1955 und 1964 bzw. zwischen 1955 und 1970 geboren sind, und damit zu den geburtenstärksten Jahrgängen nach dem Zweiten Weltkrieg gehören.
Von Heinz Bude, Jahrgang 1954 und bis 2023 Professor für Makrosoziologie an der Uni Kassel, ist dazu nun ein neues Buch unter dem Titel "Abschied von den Boomern" erschienen.
Zum Titel heißt es im Klappentext noch: "Die Boomer nehmen Abschied. Wer zwischen 1955 und 1970 in der Zeit der geburtenstarken Jahrgänge zur Welt gekommen ist, hat den Ruhestand erreicht oder zählt zu den Älteren, die nach und nach ihre Posten freimachen."
Da mag sich so mancher Betroffene gleich fragen: Wie bitte?
Denn die Behauptung "Die Boomer nehmen Abschied" dürfte an der Lebensrealität der meisten Boomer vorbeigehen. Die jüngsten der definierten Altersspanne werden dieses Jahr 54 und sind damit (hoffentlich!) noch "voll im Saft" und gerade in den sogenannten "besten Jahren". Die ältesten hingegen sind mit 66, 67, 68 zwar meist schon im Ruhestand, aber angesichts der länger werdenden Lebenserwartung doch (hoffentlich!) noch lange nicht komplett von der Bildfläche verschwunden - und nicht zuletzt als Großeltern oder im Ehrenamt oder auch "nur" als Wähler und Gewählte (u.a. Frank Steinmeyer und Olaf Scholz) nach wie vor von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Wieso also jetzt schon derart summarisch einem Abschied von ihnen das Wort reden? Das hätte frühestens in zehn, fünfzehn Jahren seine sinnstiftende Berechtigung.
Aber dem Abverkauf scheint der Titel jedenfalls nicht zu schaden, da das Buch schon kurz nach seinem Erscheinen am 29. Januar zumindest bei Amazon bereits durch die Decke ging und dafür bei letzter Durchsicht der Rezension am 4. Februar ein "Bestseller-Rang" von "31" angegeben wurde
Zudem ist die mit netto etwas mehr als 120 Seiten eher knapp und dicht zusammengefasste Portraitskizze der Boomer-Generation im Wesentlichen in sich schlüssig, und zu sämtlichen darin getroffenen Aussagen sind im Anhang Quellenbelege nachzulesen. Im Ton lakonisch und zuweilen von subtiler Ironie getragen, liest sich der in sechzehn Kapiteln sortierte Inhalt recht flott weg. Im Gegensatz zum Buchtitel sind den Kapiteln auch weit zielgenauere Überschriften vorangestellt:
Beginnend mit "Die Kohorte" und "Frühe Prägungen", folgen "Das nicht übertriebene Wir", "Die Generation der Mitte", "Kulenkampff, Willi Brandt und die RAF", "Die nachgeholte Verstörung", "Ironie und Tragik", "Brokdorf", "Die Entdeckung der eigenen Räume", "Aids und Tschernobyl", "Operationen am offenen Herzen", "Die Roaring Nineties", "Die Inversion des Zukunftsglaubens", "Das Denken der Boomer", "Abschied von den Eltern" und last, but not least "Weder schlechte noch gute Vorfahren" - laut Bude ein Diktum für das Selbstbild der Boomer, wonach sie sich z.B. auch keine Schuldgefühle für ihren im Nachhinein leicht zu errechnenden, nicht selten allzu Ressourcen verschwendenden Lebensstil aufdrängen lassen wollen.
Dass Bude sich bei den sich damals immens verbreitenden musikalisch definierten Subkulturen allein auf den Punk samt dem "No Future"-Kürzel beschränkt oder auch meint, die Boomer hätten im Gegensatz zu den Alt-68ern keine Projekte gehabt - geschenkt. Bei derart vielen Millionen Boomern kann dazu jede/r eine andere Sichtweise haben.
Aber bei aller Wertschätzung des Autors und seines Schreibstils bedingte die Knappheit seines Werks dann doch auch eine kaum nachvollziehbare Auslassung:
Denn wie kann es sein, dass hier nichts zu jenem bedeutsamen Gesetz und seine Folgen geschrieben steht, wonach ab 1975 - und damit das Gros der Boomer betreffend! - auch in der BRD der Beginn der Volljährigkeit von 21 auf seither 18 Lebensjahre gesenkt wurde? Ferner wird in der Folge auch nicht erwähnt, dass man in der DDR schon seit 1950 ab dem 18. Lebensjahr als volljährig galt
Aber okay, manches wird von Bude ja vermutlich auch noch in für das Buch werbewirksamen Talkshows und Interviews nachgereicht oder vertieft werden. Und trotz aller Mäkeleien zeichnet sich sein Buch ja insgesamt durch sehr präzise und munter zusammengefasste Beobachtungen bzw. Gegenüberstellungen aus, was es zu einem unterhaltsamen, wenn auch nicht nachhaltig tiefschürfenden Lesevergnügen macht.

Weitere Besprechungen zu Werken von Heinz Bude siehe:
Heinz Bude: Die Ausgeschlossenen (2008)
Heinz Bude: Abschied von den Boomern (2024)

Buechernachlese © Ulrich Karger


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