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Gretchen Dutschke (Hg.)

Rudi Dutschke Jeder hat sein Leben ganz zu leben

Tagebücher 1963 - 1979. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2003. 430 Seiten. 22,90 Euro. ISBN: 3-462-03224-0, >>> Amazon

Im März dieses Jahres wäre Rudi Dutschke 63 Jahre alt geworden. Wie und wohin er sich ohne das Attentat im Jahre 1968 und den dadurch bedingten frühen Tod 1979 weiterentwickelt hätte, ist nicht zu beantworten nur eines scheint sicher: Er hätte sich weiterentwickelt und würde noch heute mit seinen Forderungen quer zu den bestehenden Gesellschaftssystemen stehen!
Gretchen Dutschke hat jetzt sauber ediert die Tagebücher ihres Mannes herausgegeben, die ja auch Hauptquelle ihrer 1996 erschienenen Biographie gewesen sind.
Die ersten Eintragungen sind von 1963, die letzten datieren ein halbes Jahr vor seinem Tod. Trotz der vielen erklärenden Fußnoten und trotz eines Anhangs samt "Notizen in einem Fotoalbum", einiger weiterer autobiographischer Notizen, einer Zeittafel und dem obligatorischen Personenverzeichnis ist es erst das 25-seitige Nachwort von Gretchen Dutschke, das die "roten" Fäden seines Lebens verdeutlichen hilft. Rudi Dutschke verfügte als Redner über Charisma, das sich aber dem Normalsterblichen weniger durch elegant pointierte Beredsamkeit als durch das Ringen um Genauigkeit, offenkundige Redlichkeit, mitreißend zielstrebiges Temperament und das Fehlen jedweder Berührungsängste vor neuen, weiterbringenden Ideen auszeichnete. Das spiegelt sich auch in den Eintragungen wieder.
Oft nur fragmentarisch, sind selbst die Abschnitte mit vollständigen Sätzen wegen ihrer zumeist hölzernen Logbuch-Syntax nur schwer verdaulich. Nachfolgend eines der, na ja, wenigen Gegenbeispiele: "Falsch verstandener Voluntarismus, ein Voluntarismus, der nicht in der Lage ist, die vorhandene Widerspruchsebene als die zu behandelnde zu erkennen, sondern die vorhandene Situation überspringt, um das Wollen zur tragikomischen Phrase werden zu lassen, ist eine der größten Gefahren einer sich erst herausbildenden, historisch erfahrungslosen und kontinuitätslosen Bewegung."
Auf seine Tagebücher angewendet: Um sich einer Nachwelt allein durch sie verständlich zu machen, hätte er auch die als Theoriephraseologie gebrandmarkten Kürzel der von ihm heftig kritisierten begleiteten K-Gruppen meiden müssen. Immerhin hat er auch seine frühen Gedichte verbrannt, weil er laut G.D. wohl schon ahnte, dass "sein Leben auch eine Geschichte für die Zukunft sein würde" und er nichts hinterlassen wollte, "was er für unreif hielt".
Und diese Sprache korrespondiert nun einmal mit den Inhalten seiner Erörterungen. So sehr er die Unterdrückung freier Meinungsäußerung in den Ländern des "real existierenden Sozialismus" kritisierte, den RAF-Terrorismus "solidarisch" ablehnte und die Intrigenspiele innerhalb der bundesrepublikanischen K-Gruppen entnervend fand, erschreckt die bis zuletzt aufrecht erhaltene Vorstellung, eine Theorie könnte sich als Heilsbotschaft über die ganze Weltbevölkerung stülpen, und Leute wie er könnten erkennen, wer die Anführer sprich "Vermittler" dieser Theorie dann gegebenenfalls zu sein hätten.
Dennoch wäre es grundlegend falsch, alles was R.D. gesagt und geschrieben hat, nicht (mehr) zur Kenntnisnehmen zu wollen. Sein Gespür für Ungerechtigkeiten im Großen wie im Kleinen vermochte z.B. erstaunlich präzise viele aktuelle Probleme und Kriegsschauplätze vorherzusehen. Und gleichzeitig ist es zeitgeschichtlich durchaus interessant, worüber er nur schlecht oder gar nicht zu schreiben vermochte. So erwähnt er die große Liebe zu seinen Kindern, den "lieben Banditen", eher nur zwischen den Zeilen und beginnt damit erst ein Jahr nach der Geburt des ersten, das er bei der Gelegenheit geradezu grotesk als künftiges Lern- und Betrachtungsobjekt im Zusammenhang revolutionärer Thesen einführt. Dahinter steckte aber das ernsthafte Wollen, die Kinder antiautoritär zu erziehen und sich emanzipieren zu lassen. Und er wechselte klaglos selbstverständlich die Windeln, als andere Genossen den sie umgebenden Frauen noch ganz selbstverständlich über den Mund fuhren. Sehr spannungsvoll auch sein Verhältnis zu Religion und Kirche. In den frühen Jahren gedachte er sehr inbrünstig des Osterfestes und zu seinen engsten Freunden zählte bis zuletzt der Theologe Helmut Gollwitzer. Und neben vielen anderen Dingen scheint eben doch auch der Alltag durch und wie er nach dem Attentat zäh und zugleich voller Selbstzweifel und durchaus berechtigter Verfolgungsängste wieder um die Anknüpfung an das Leben davor rang.
Für eine "Erstbegegnung" mit Rudi Dutschke nicht zu empfehlen, bilden diese Tagebücher aber eine wichtige Ergänzung zur bereits vorliegenden Biographie - für beides kann Gretchen Dutschke gar nicht genug gedankt werden.

Weitere Besprechungen zu Werken von Gretchen und Rudi Dutschke siehe:
Gretchen Dutschke (Hg.): Rudi Dutschke - Wir hatten ein barbarisches, schönes Leben (1996)
Gretchen Dutschke (Hg.): Rudi Dutschke Jeder hat sein Leben ganz zu leben (2003)

Buechernachlese © Ulrich Karger


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