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Howard Gardner

Abschied vom I. Q.

Die Rahmen-Theorie der vielfachen Intelligenzen. Klett-Cotta, Stuttgart 1991, 450 S., ISBN: 3-608-93158-9, >>> Amazon

Intellegentia: 1.Vorstellung ... 2.a)Einsicht ... b)Kunstverstand ... c)Erkenntisvermögen, Verstand - soviel als Einführung zur lateinischen Herkunft des Wortes Intelligenz (s. Langenscheidt Wörterbuch).
Motiviert durch den Erfolg seines Buches DEM DENKEN AUF DER SPUR gibt der Verlag sich und Howard Gardner die Ehre, nun auch den Vorläufer jenes Buches der deutschsprachigen Leserschaft vorzustellen, das sich der komplexen interdisziplinären "Fakultät" der Kognitionswissenschaft angenommen hatte. Wenn es der Kognitionswissensschaft um ein höchstmögliches Maß an Erkenntnis geht, umfaßt ABSCHIED VOM I.Q. mit seiner RAHMENTHEORIE DER VIELFACHEN INTELLIGENZEN das weite Feld der noch auszubauenden Grundlagenforschung, aus der eben nicht nur die Kognitionswissenschaft, sondern z.B. auch allgemeinbildende Schulen, Schulen für Musik, Tanz, bildende Kunst usw. neue, gemeinsame Ansätze begründen könnten.
Nicht umsonst hat der in Harvard und Boston Psychologie lehrende H.G. für dieses Buch den NATIONAL PSYCHOLOGY AWARD FOR EXCELLENCE IN THE MEDIA erhalten. In geradezu verblüffender und bewundernswerter Klarheit vermochte er darin das Netzwerk von Ausgangspunkten, Widersprüchen und Zusammenhängen vieler verschiedener Erkenntnisse vieler verschiedener Wissenschaften dem interessierten Laien vor Augen zu führen.
Ein 12 Jahre alter Puluwat-Knabe von den Karolineninseln wird von den Ältesten seines Stammes dazu auserkoren, ein Meistersegler zu werden. Ein 15-jähriger Iraner widmet sich der Aufgabe, den gesamten Koran auswendig zu lernen und beherrscht als Perser die arabische Sprache. Eine 14-jährige aus Paris hat auf einem Computer zu programieren gelernt und fängt nun an, mit Hilfe eines Synthesizers zu komponieren.
"Alle diese Jugendlichen erwerben einen hohen Grad an Kompetenz auf einem schwierigen Gebiet und weisen intelligentes Verhalten auf, wie auch immer man diesen Begriff definieren will. Und doch muß man zugeben, daß gegenwärtige Methoden der Intelligenzmessung nicht fein genug sind, um die Fähigkeit oder Leistung eines Menschen einzuschätzen, nach den Sternen zu segeln, eine fremde Sprache zu lernen oder mit Hilfe eines Computers Musik zu komponieren. (..) Nur wenn wir unsere Perspektive erweitern und unsere Sicht des Intellekts neu formulieren, können wir angemessenere Methoden entwickeln, Intellekt zu bewerten, und effektivere Methoden, ihn auszubilden."
Von der Suzuki Lehrmethode des Violinspiels bis zur LOGO-Methode, die Grundzüge des Programierens zu vermitteln, ist einiges entwickelt worden, "um schon kleine Kinder zu besonderen Leistungen anzuspornen."
Man würde H.G. mißverstehen, meinte man nun, er wolle hier vom Ehrgeiz zerfressenen Eltern ein weiteres Folterinstrumentarium in die Hände geben. Im Gegenteil, es geht H.G. darum, möglichst alle vorhandenen Anlagen der Kinder als wertvoll zu erkennen, um sie dann im besten elterlichen Sinne zu fördern.
Beginnend mit dem Hintergrund, u.a. der historischen Dimension der Idee multipler Intelligenzen, deren ersten Ansätze gut 2000 Jahre zurückreichen und mal von drei, mal von sieben unterschiedlichen Bausteinen menschlicher Intelligenz ausgingen, versucht H.G. nun den NACHWEIS spezieller Intelligenzen. Dabei spielt er die grundverschiedenen Blickwinkel von "Igeln" und "Füchsen", d.h. jene, die spezielle Intelligenzen an einer bestimmten Stelle des Gehirnes vermuten nicht gegen jene aus, die der Meinung sind, daß die wesentlichen geistigen Funktionen vom Gehirn als Ganzes wahrgenommen werden. Vielmehr stellt er sie so objektiv wie möglich gegenüber oder stellt überraschende Verbindungen zwischen beiden Ansätzen her. Überhaupt ist das eines der wesentlichen Merkmale seines Schreibstiles, daß er jeden Ansatz ohne versteckte Suggestion zu würdigen weiß, auch wenn er ihm im Einzelnen nicht zustimmen mag. Das läßt dem Leser genügend Raum, sich eine eigene Meinung zu bilden.
"In erster Linie geht es mir um die Ausweitung der Themen Kognitions- und Entwicklungspsychologie. (..) Diese Ausweitung zielt zum einen auf die biologischen und evolutionären Wurzeln der Kognition, zum anderen auf die kulturellen Varianten kognitiver Kompetenzen. Nach meiner Meinung sollten Exkursionen in die 'Labors' der Gehirnforscher und in das 'Feld' einer exotischen Kultur zum Stundenplan aller gehören, die sich für Kognition und Entwicklung interessieren."
Seine offensichtliche Lust, Dinge zu isolieren, um sie dann wieder in eine umso engere Verbindung zu bringen, zeigt sich allein schon an den 8 Überschriften seines Hauptkapitels, in dem es um linguistische, musikalische, logisch-mathematische, räumliche, körperlich-kinästhetische und personale Intelligenz geht. Dazu gehört auch eine Kritik der Theorie multipler Intelligenzen sowie eine Auseinandersetzung mit der Sozialisation menschlicher Intelligenzen durch Symbole. Im dritten Teil seines Buches zieht er ein zwar spekulatives, nichtsdestrotz fesselndes Resumée anhand der sich ihm erschließenden Anwendungsmöglichkeiten seines Ansatzes und wie man künftig mit Intelligenztests intelligenterweise umgehen sollte.
Neben den direkten pädagogischen Implikationen seiner Theorie und der möglichen Inspiration pädagogisch ausgerichteter Anthropologen wäre auch jedem ernsthaft an der "Förderung von Menschen" interessiertem Politiker die Zeit zu gönnen sich mit diesem Buch zu befassen.

Weitere Besprechungen zu Werken von Howard Gardner siehe:
Howard Gardner: Dem Denken auf der Spur (1989)
Howard Gardner: Abschied vom I. Q. (1991)
Howard Gardner: Der ungeschulte Kopf (1993)
Howard Gardner: Intelligenzen (2002)

Buechernachlese © Ulrich Karger


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