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Howard Gardner

Dem Denken auf der Spur

Zur Kognitionswissenschaft. Klett-Cotta, Stuttgart 1989, 456 S., ISBN: 3-608-93099-X, >>> Amazon

"Das Vorbild für die (Kognitions-)Wissenschaft geht auf die Griechen zurück - auf die Schriften von Platon und Aristoteles, die Themen, um die es im MENON geht. Hier wurden erstmals die Fragen nach Natur, Status, Ursprung und Anwendung von Wissen formuliert."
Das fachgebietübergreifende (interdisziplinäre) Arbeiten und Projektieren zu bestimmten Fragen ist ja nun mittlerweile selbst für den Laien eine einsehbare Herangehensweise. Der u.a. an der Harvard University lehrende Psychologe Howard Gardner dokumentierte aber bereits 1985 in THE MIND'S NEW SCIENCE / A HISTORY OF THE COGNITIVE REVOLUTION als Erster das Sich-zusammenfügen und Entwickeln einer gänzlich neuen Wissenschaft, die sich das Interdisziplinäre zum Prinzip bzw. zum Ausgangspunkt gemacht hat: Die KOGNITIONSWISSENSCHAFT(=Kw).
Nun liegt auch die deutsche Übersetzung (Ebba D. Drolshagen) dieses Werkes unter dem Titel DEM DENKEN AUF DER SPUR vor.
Im ersten Kapitel dieser dreiteiligen Arbeit wird DIE KOGNITIVE WENDE erläutert, d. h. ausgehend von MENON, einem Dialog Platons, werden die ersten Grundfragen nach der Natur des Wissens ("Woher kommt es, worin besteht es, wie ist es im menschlichen Geist repräsentiert?") und die daraus entwickelte, höchst umstrittene Theorie menschlichen Wissens vorgestellt, die ihren Sitz "par excellence in der Mathematik sowie den exakten Wissenschaften begründet hatte."
Nach einem ersten historischen Abriß bis in die Gegenwart, geht es dann um eine erste, längst noch nicht endgültige Definition von Kw, um die seit Anfang der siebziger Jahre gerungen wird: "Ich definiere Kw als einen zeitgenössischen Versuch, sehr alte erkenntnistheoretische Fragen auf empirischem Wege zu beantworten - vor allem Fragen, welche sich mit der Natur des Wissens, dessen Komponenten, dessen Ursprüngen, dessen Entfaltung und dessen Anwendung befassen. (..) Ich möchte herausfinden, ob Fragen, die unsere philosophischen Ahnen fesselten, endgültig beantwortet, sinnvoll neu gestellt oder für immer begraben werden können. Die Kw ist heute in der Lage, die Lösungen zu finden."
Als ein Fundament für die Kw benennt Gardner das Hixon-Symposium von 1948, an dem sich bedeutende Wissenschaftler verschiedener Disziplinen zu einer Konferenz über "zerebrale Verhaltensmechanismen" beteiligten und dort gemeinsam dem BEHAVIORISMUS, der Themen wie Geist und Denken, oder Begriffe wie Plan und Absicht beharrlich gemieden sehen wollte, eine Kampfansage erteilten.
Nach Gardners Definition sind vorläufig sechs Wissenschaften an der Kw "beteiligt": Die themenvorgebende PHILOSOPHIE, die Methodik und Substanz verknüpfende PSYCHOLOGIE, das Handwerkszeug der Experten mittels der KÜNSTLICHEN INTELLIGENZ (Computer) sowie die Sprache reflektierende LINGUISTIK als Kern- und ANTHROPOLOGIE und NEUROWISSENSCHAFT als Grenzbereich der Kw.
Die Entwicklung dieser genannten Wissenschaften stellt Gardner im 2. Teil an ihren exemplarischen Vertretern und Kritikern von den Anfängen bis zur Gegenwart vor und weist auf ihre schon bestehenden, wenn auch z.T. sehr zarten Verbindungen zu den anderen Wissenschaften hin.
Teil III subsummiert unter der Überschrift AUF DEM WEG ZU EINER INTEGRIERTEN WISSENSCHAFT die ersten kognitionswissenschaftlichen Ergebnisse der unterschiedlichen Bereiche. Stichworte dazu sind WAHRNEHMUNG, VORSTELLUNGSBILDER (Erfindungen der Phantasie?) EINE KATEGORISIERTE WELT (und die zumindest teilweise Verabschiedung des einfachen Kategorisierens und Klassifizierens bzw. deren Herausstreichen als ein Mittel) sowie der Nachweis, daß Menschen nicht per se "rationale Wesen" sind. Dem schließt sich eine Zusammenfassung an, die das Paradox der Computergesellschaft ("Die Idee der Repräsentation hing bislang eng mit unseren gegenwärtigen Vorstellungen vom Computer zusammen. (...) aber, mein zweiter Vorbehalt gegen den Computer als Modell betrifft den gravierenden Unterschied zwischen biologischen und mechanischen Systemen.") sowie die künftigen Aufgaben der Kw erläutert bzw. prognostiziert.
"..., höchstes Ziel der Kw sollte ganz genau das sein: eine überzeugende wissenschaftliche Erklärung, wie Menschen zu ihren bemerkenswertesten symbolischen Erzeugnissen kommen: Wie wir Symphonien komponieren, Gedichte schreiben..."
Zu guter Letzt ein aktualisiertes Nachwort für diese Ausgabe, in dem Gardner u.a. allerneueste Erkenntnisse skizziert und auf das erstaunliche Durchsetzungsvermögen der Kw hinweist: In den USA sind nach 1984 mehr als 100 Hochschulen dabei, Kw als Studiengang anzubieten.
Nicht von ungefähr wurde der Autor für seine bis dahin sieben veröffentlichten Sachbücher 1983 mit dem NATIONAL PSYCHOLOGY AWARD FOR EXCELLENCE IN MEDIA ausgezeichnet, denn trotz akademisch angemessener Sprachregelung gelingt es ihm, den jeweiligen Reiz eines verfochtenen oder kritisierten Standpunktes aus den verschiedenen Disziplinen in geradezu fesselnder Manier zu vermitteln. Mit dieser synoptischen Zusammenschau der unterschiedlichen Strömungen und seinen sensiblen Kommentierungen leistete Gardner die schwierige Arbeit eines Vermittlers, dessen ganze Bandbreite seiner Anstrengung vermutlich erst sehr viel später die entsprechende Würdigung erfahren wird.

Die Kw kann (noch) nicht wirklich als etabliert gelten, auch wenn sie zumindest in den USA schon institutionalisierte Konturen angenommen hat. Von daher ist es wohl auch noch erlaubt, eine Kritik anzuregen, die weniger dem Autoren als der wissenschaftliche Haltung an sich gilt. Gardner hat im Kapitel zur WAHRNEHMUNG u.a. die ökologische Schule Gibsons angeführt, die ihre Kriterien zur Überprüfung eines Standpunktes nicht von außen anlegt, sondern innerhalb eines Systems z.B. eines primitiven Stammes Beobachtungen anstellt und von da aus Konzepte und Theorien entwickelt.
"Die Denkrichtung die Gibson begründet hat, ist eine große Herausforderung für den generellen kognitionswissenschaftlichen Erklärungsanstz von Wahrnehmung - und auch für andere Fragen der menschlichen Kognition."
Wenn diese Schule immerhin als eine konzeptbildende anerkannt wird, wie kann dann die Frage nach dem Wozu des Wissenwollens derart stringent außer acht gelassen werden? Daß das Wissen untersucht wird und diese Untersuchungen Ergebnisse "abwerfen" können ist banale Wirklichkeit, aber bedarf es nicht endlich -gerade wenn es um das Denken der Menschen geht- auch einer moralisch ethischen Komponente innerhalb solcher Wissenschaft, die den Wissenschaftler zwingt, Verantwortung für die Folgen seiner Ergebnisse tragen zu können und zu wollen? Eine neue Wissenschaft, welche die Vorteile der Vernetzung und des Austauschs von Gedanken zum methodischen Prinzip erheben will, sollte sich nicht die Chance entgehen lassen, auch einem WISSEN IST MACHT konstruktiv zu begegnen. Wer Substanz und Essenz sechs gänzlich verschiedener Fakultäten in eins denken kann, wird auch die "Absichten und Pläne", und den "Geist und das Denken" wahrhaft wissenschaftsfeindlicher Systeme wahrnehmen und mitbedenken müssen. Kein Messer im Kopf, sondern lediglich ein hin und wieder Anheben des Kopfes aus der Hörsaal-und Laborperspektive scheint heutzutage mehr als angebracht.
Dem Denken auf der Spur - nichts wie hinterher!

Weitere Besprechungen zu Werken von Howard Gardner siehe:
Howard Gardner: Dem Denken auf der Spur (1989)
Howard Gardner: Abschied vom I. Q. (1991)
Howard Gardner: Der ungeschulte Kopf (1993)
Howard Gardner: Intelligenzen (2002)

Buechernachlese © Ulrich Karger


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