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Herbert Genzmer

Die Einsamkeit des Zauberers

Roman. Insel, Frankfurt a. M. - Leipzig 1991, 181 S., ISBN: 3-458-16190-2, >>> Amazon

"Ich wäre ein Zauberer hat er immer gesagt, ein Magier. In ganz grauen Vorzeiten kam einer und suchte einen Platz, einen magischen, einen, an dem die Zauberer sich ansiedeln konnten, um Magie zu treiben."
Dieses Zitat, das mit dem Titel DIE EINSAMKEIT DES ZAUBERERS korrespondiert, ist eine der wenigen Reflektionen auf die Vergangenheit Brekkers, eines gebürtigen Deutschen, der unbedingt nach Amerika wollte und sich dort mehr und mehr seinem Wahnsinn ausgeliefert hat - Wahnsinn im Sinne eines möglichen klinischen Befundes.
Es beginnt mit einer 8-seitigen Einleitung von Valerie Simons, Brekkers US-amerikanischer Ehefrau. In ihr ist das Ende, nämlich Brekkers "Implosion", schon vorweggenommen.
"Er haßte Deutschland. Alles, was mit Deutschland zu tun hatte. Traf er andere Deutsche - was er meist vermied - so sprach er mit ihnen kein Deutsch."
Valerie stellt fest, daß ein Deutscher wie Brekker im Gegensatz zu den anderen Immigranten "amerikanischer als wir werden und gleichzeitig kritischer und vernichtender in ihrem Urteil über die Lebensbedingungen" sind.
Was eine/n dann das Buch in einem Zuge auslesen läßt, ist mit "Roman" ungenau erfaßt. Es ist das Protokoll eines Mannes, der verzweifelt das Jetzt mitzuschreiben versucht, bei jeder sich bietenden Gelegenheit Aufzeichnungen über das gerade Erlebte, Gesehene oder Gedachte führen muß, da er in der berechtigten Angst lebt, daß alles ihm zu entgleiten droht. So schickt er sich auch von seinen Spaziergängen durch die numerierten Avenues New Yorks Postkarten.
"Ich brauche die Bilder, die Postkarten, die Notizen, die dazu passen, zu dem Geschriebenen. Das ist alles zu unbeholfen, so vage, daß ich nichts nehmen kann, wie es ist. Da ist anderes dahinter, Wirklicheres, das weiß ich genau. Aber anfassen kann ich das nicht. I can feel that."
Nach der Einleitung gibt es für die Leser keinen Halt mehr, sie werden von Brekkers ängstlich-aggressiver Sicht der Welt mitgerissen, die sich zuletzt in extremen Verfolgungswahn und dem Verlust zeitlicher und räumlicher Bezugspunkte verengt. Diese Beengung zu schildern, zu einem glaubhaften Ich-erlebnis zu gestalten, ist dem Autoren Herbert Genzmer vollkommen gelungen, er bewies darin meisterhaftes Genie.
Dieses Protokoll wird zum Nachweis für das, was im Extremfall geschieht, wenn einer seine (deutsche) Vergangenheit nicht mehr bewältigen kann oder will. Nach Genzmer sind wir Deutschen, ganz egal welcher Generation wir angehören, offensichtlich gar nicht in der Lage, ganz von vorn mit einer Stunde Null anzufangen, selbst wenn wir es wollen. Unser Gemüt, unsere scheinbar geradezu psychogenetische Sehnsucht nach der Gemütlichkeit des Reflektierens und Spekulierens gedeiht für uns nur im Dreiklang der Zeiten. Wer sich dem Horror Brekkers aussetzt, vermag sehr gut Rückschlüsse auf das Innenleben jener zu ziehen, die sich in den Nischen der Teilamnesie wie Platzhirsche aufführen.
Brekker wäre aber kein Deutscher, wenn seiner Penibelität nicht auch eine gewisse Größe innewohnen würde. Das Jetzt, dieses verengte Außen Brekkers wird bis ins letzte Detail genau wahrgenommen und hinterfragt. Mögen Brekkers Schlußfolgerungen z.T. lediglich seine Verwirrung belegen - wobei natürlich aufschlußreich ist, an welchen Stellen diese Verwirrung greift - so sind seine Beobachtungen doch auch Zeugnis einer objektiv schrecklichen Welt, für deren Wahrnehmung der "gesunde" Verstand bewußt oder unbewußt das Sensorium abstumpfen läßt. Die Stadt New York ist dafür ein präzis gewählter Contrapunkt, wird sie doch von vielen Deutschen angehimmelt und ob ihrer Leichtigkeit des Seins verklärt.
Herbert Genzmers neuestes Werk ist ein gewagter, gelungener Sprung ins Ungewisse, der aller Beachtung wert ist.

Weitere Besprechungen zu Werken von Herbert Genzmer siehe:
Herbert Genzmer: Die Einsamkeit des Zauberers (1991)
Herbert Genzmer: Das perfekte Spiel (2012)

Buechernachlese © Ulrich Karger


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