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William Godwin

Die Abenteuer des Caleb Williams

Mit einem Nachwort von Mary Shelley. Aus dem Englischen neu überetzt und herausgegeben von Alexander Pechmann. Steidl Verlag, Göttingen 2023. 480 Seiten. 34,00 Euro. ISBN: 978-3-96999-260-9, >>> Amazon
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Caleb Williams entstammt als Sohn eines Bauern einfachen Verhältnissen, erhält aber nach dem Tod seines Vaters die Möglichkeit, für den angesehenen Gutsherren Ferdinando Falkland als Sekretär zu arbeiten. Denn Caleb ist trotz seiner Jugend und als Autodidakt außergewöhnlich belesen und scheint eine vielversprechende Zukunft vor sich zu haben. Doch seine Neugier führt eines Tages dazu, dass er ein Geheimnis Falklands lüftet, was diesen in arge Bedrängnis bringt - und Caleb von da an seines Lebens nicht mehr sicher sein lässt. Falkland ist jedes Mittel recht, um Caleb zum Schweigen zu bringen und verfolgt ihn deshalb erbarmungslos
Alexander Pechmann hatte den im Original 1794 erstmals erschienenen Roman "Die Abenteuer des Caleb Williams" von William Godwin bereits 2013 aus dem Englischen übersetzt und im Verlag Achilla-Presse herausgegeben (siehe auch: >>> Amazon). Die nun Ende November 2023 bei Steidl vorgelegte Neuausgabe wurde "gründlich überarbeitet" sowie um Anmerkungen und ein neues Nachwort des Herausgebers ergänzt. Vorweg sei zudem noch angemerkt, dass sich bislang lediglich in der englischen und der spanischen Wikipedia eigene Artikel zu diesem Roman finden und hiervon wiederum nur in der englischen Wikipedia auch Hinweise auf dessen frühere Rezeption nachlesen lassen - und die reichte demnach unter den Zeitgenossen Godwins von hymnisch begeistert bis zum harschen Verriss, letzteres allerdings vor allem wegen der darin zum Ausdruck gekommenen politischen Haltung. Hinweise auf Rezensionen zu heutigen Ausgaben bzw. Übersetzungen (auch zu der oben erwähnten von 2013) sind jedoch zumindest im Internet bislang nicht zu entdecken gewesen
William Godwin (1756-1836) war nach seinem im Alter von 17 Jahren begonnenen und nur kurzen Studium auch nur für kurze Zeit Prediger der Dissenter-Gemeinde seiner Familie in Suffolk, um dann alsbald nach London zu gehen und bereits ab 1784 erste Veröffentlichungen vorzulegen.
Godwin gewann vor allem Reputation als Begründer des philosophischen Anarchismus, was nicht zuletzt auf der 1793 - und damit ein Jahr vor dem Roman über Caleb Williams - erschienenen politisch-philosophischen Arbeit "Political justice and its influence on general virtue and happiness" beruhte, in der er sich als leidenschaftlicher Kritiker der kapitalistischen Gesellschaft profilierte. Und sein Caleb Williams sollte dies nun auch über die bislang davon angesprochenen intellektuellen Kreise hinaus verdeutlichen. Ferner sein noch erwähnt, dass er 1796 bzw. zwei Jahre nach Erscheinen dieses Romans die Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft heiratete, mit der er die Tochter Mary Shelley hatte, die wiederum u.a. zur Autorin des weltberühmten Romans "Frankenstein" wurde.
Dennoch erstaunt es, dass der als vorzüglich wortgetreue Übersetzer bekannte Alexander Pechmann sich dieses dreiteiligen Werkes mit Caleb Williams als Ich-Erzähler überhaupt angenommen hat. Ja mehr noch, ihm im Nachwort sogar die "Tugenden des sozialkritischen Kriminalromans und denen eines realistischen psychologischen Romans" zuspricht und damit den Autor zum Pionier dieser seinerzeit noch gar nicht existierenden Gattungen erhebt - kein Wunder, dass dann auch der Verlag im Klappentext das Werk als "frühes Meisterwerk der Kriminalliteratur" bewirbt.
Die politische Haltung Godwins hinsichtlich der Ungerechtigkeiten zwischen Landjunkern und ihren Bediensteten dürfte heute immerhin von vielen geteilt werden. Ebenso ist es schon lange ein Prädikat erfolgreicher Kriminalromane, in ihnen stets auch gesellschaftlich relevante Themen wie z.B. Benachteiligungen bestimmter Gruppen anzusprechen und in den Brennpunkt zu rücken. Nur leider hat Godwin es in keiner Weise verstanden, das Anliegen seines Caleb Williams auch noch für eine heutige Leserschaft (psychologisch) überzeugend und glaubhaft oder gar spannend in Szene zu setzen! Dass ein Jüngelchen von kaum 18 Jahren derart ansatzlos präpotent und letztlich undankbar bei seinem Herrn und Gönner auftritt, in seiner Privatpost schnüffelt und ihn dann damit auch noch in Verlegenheit zu bringen versucht, war wohl zu keiner Zeit ohne Weiteres zu rechtfertigen. Dazu passt denn auch, dass die einzige Verfilmung des Romans in einem Fernseh-Vierteiler von 1980 sich eine diesbezüglich weit mehr Sinn ergebende Umformung bzw. Ausgangslage des Romaninhalts erlaubte: Caleb Williams ist darin der Sohn des (zu Unrecht!) hingerichteten Vaters, der wegen des Mordes an einem erbitterten Gegner Falklands verurteilt worden war, und wird hier von Falkland nach der Hinrichtung seines Vaters eingestellt - da ist das Verhalten Calebs gleich um einiges nachvollziehbarer.
So aber hätte das Ganze z.B. in die Form einer Posse oder eines Schelmenstücks gegossen werden müssen, wenn denn Godwins Komik in diesem Roman nicht durchgehend unfreiwillig gewesen wäre - samt dem immer wieder aufs Neue bemühten Deus ex machina, der für einige überraschende Wendungen ohne jede Plausibilität herhalten muss.
Das Finale ist dann - zumindest aus heutiger Sicht - an Absurdität kaum noch zu überbieten! Denn trotz solcher Ingredienzien wie Flucht, Verfolgung und Gefangenschaft des Caleb Williams zeigt es sich spätestens hier, dass es dem Autor selbst auch gar nicht um das Verfassen von Kriminalliteratur ging, sondern um den Wettbewerb und das Durchdeklinieren eines höchst übersteigerten Ehrbegriffs, der auch die berechtigte Sozialkritik an den seinerzeit ungerechten Verhältnissen gar nicht vorrangig im Blick hatte.
Aber wie gesagt - hier kann von einer wortgetreuen Übersetzung ausgegangen werden, die immerhin Student:innen der angelsächsischen Literatur zu einem ersten instruktiven Eindruck über dieses Werk verhelfen mag. Ansonsten gibt es zum Glück auch noch andere Literatur vom Ende des 18. Jahrhunderts in ansprechenden Übersetzungen, die man nach wie vor auch einfach um ihrer selbst lesen kann

Buechernachlese © Ulrich Karger


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