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Franz Hodjak

Zahltag

Erzählungen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1991, 190 Seiten, ISBN: 3-518-40381-8, >>> Amazon

"..., verfasse, weil aufgefordert, aus Gründen, die keine sind, die mich aber, da sie als solche erklärt worden sind, dazu verpflichten, sie als solche zu entkräften, vorliegendes Gesuch, von dem ich deshalb gewünscht hätte, es nicht verfassen zu müssen."
Nach der Gedichtsammlung SIEBENBÜRGISCHE SPRECHÜBUNG nun der Band ZAHLTAG mit Erzählungen des rumäniendeutschen Franz Hodjak, der nach wie vor in Cluj-Napoca als Verlagslektor sein Auskommen findet. Schade eigentlich - das, was für uns Deutsche auf der Bühne nur noch die Kabarettisten Matthias Richling und allenfalls noch Martin Buchholz zu leisten vermögen, würde in Hodjaks Prosa eine weitere, dringend nötige Konkurrenz erfahren.
Die immer noch virulenten politischen Erschütterungen in Rumänien sind nach Ceausescus Tod für die Rezeption der meisten Deutschen "abgehakt", man fühlt sich höchstens noch von den bettelnden "Zigeunerkindern" in unseren Straßen angewidert - bei allem Verständnis!
Dieses Verständnis wird sich wieder aufs Schwärzeste getäuscht sehen. Statt einer sight-seeing-tour im vollklimatisierten Bus durch den Elfenbeinturm wird die geschätzte Leserschaft u.a. von Vogelscheuchen, weise Entrückten, verlassenen Verrückten und von auf Ehre haltenden Schlägern in verschiedenen Bahnen zum Friedhof und seinem innewohnenden "Personal" geführt.
Wo nichts mehr stimmt, hat der Tod noch etwas von letzter Wahrheit, aber selbst die läßt sich vom Dorfgeiger Toni Dalara für einen Slivowitz gnädig ins Gegenteil verkehren oder bei den Sedlaks als vom alltäglichen Irrwitz geschleuderten Querschläger ins nicht vorhersehbare Irgendwo jagen.
"... daß er verrückt ist und seinem Bein ein Begräbnis erster Klasse bestellt, begreif ich, doch was glaubt er, was macht so ein Bein im Jenseits, wartet es, bis sein Herr angerückt kommt, oder sucht es sich einen neuen Herrn?"
Darauf der nächste Absatz:
"Bruno Sedlack preßte ihren Kopf an seinen Bauch und kraulte sanft ihr Haar. Am besten, ich schneid ihr gleich die Gurgel durch, ging es ihm durch den Kopf."
Manche seiner Protagonisten stehen offenkundig in direktem Verwandtschaftsverhältnis zum Soldaten Schweijk, übertroffen nur noch von der geradezu schlafwandlerischen Sicherheit, mit der F.H. das Repertoir seiner vielfältigen Konstruktionsmittel genau auf die richtige Länge zurechtstutzt. Jeder Absatz ein Gedanke, aus dem andere ein Gedicht drechseln könnten.
Der "elegische Witzbold und sanfte Trauerarbeiter", wie Peter Motzan F.H. ehrenhalber betitelt, zeigt auf, daß Real-Satire oder Alltagsgroteske tatsächlich eine Kunstform sein kann, die weit über das VerKOHLen hinausreicht, und die es dann auch verdient, Allgemeingut zu werden.
Natürlich erzählt F.H. von "seinem" Rumänien, aber so fern ist dieses Rumänien nicht, als daß wir uns lediglich eine Prise Galgenhumor schnupfend gemütlich zurücklehnen könnten. Die Figuren seiner Geschichten waren, sind oder werden auch Figuren in unserem Deuschland sein, die einer verwalteten Welt ohnmächtig gegenüberstehen. Wohnungs- und Arbeitslosigkeit allein sind zugegebenermaßen allerdings nicht so effizient und kurzfristig tödlich wie die Schergen der Securitate.
Eine von F.Hs. Geschichten, DIE JACKE, erhielt beim Wettbewerb um den Ingeborg Bachmann-Preis in Klagenfurt den Preis des Landes Kärnten. Diese Würdigung ist mehr als gerechtfertigt und würde noch manch anderer dieser insgesamt 24 Erzählungen zustehen.

Weitere Besprechungen zu Werken von Franz Hodjak siehe:
Franz Hodjak: Zahltag (1991)
Franz Hodjak: Der Sängerstreit (2000)

Buechernachlese © Ulrich Karger


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