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Anna Maria Jokl

Essenzen

Jüdischer Verlag, Frankfurt a. M. 1993, 91 S., ISBN: 3-633-54064-4, >>> Amazon

Essenzen sind Auszüge von etwas, dem das Wesentliche innewohnt. Bei der Schriftstellerin und Psychotherapeutin Anna Maria Jokl sind es die verdichteten Eindrücke eines langen Lebens, das verteilt auf sechs Metropolen gelebt wurde. Geboren 1911 in Wien, ab 1928 in Berlin, ab 1933 Emigration in Prag, ab 1939 in London. Nach dem 2.Weltkrieg kehrte sie Ende 1950 nach Ost-Berlin zurück, wurde bereits nach zwei Monaten wieder ausgewiesen, lebte darauf 14 Jahre in West-Berlin, um schließlich in "historischer Konsequenz" seit 1965 in Jerusalem nun "zum sechsten Male das Leben in immer unbekannter Umgebung und in der vierten Sprache" aufzubauen.
In 19 essayistischen Kurzprosastücken und einem Briefwechsel holt Anna Maria Jokl die Zeit ein, läßt Erinnerungen auftauchen oder ihnen nachspüren, auch wenn deren wirklichen "näheren Umstände" verloren sind, aber das Gesicht einer Erkenntnis, einer Vision haften geblieben ist. Ihre Ausdrucksweise ist die einer sich der Sprache versichern müssenden: genau und (deshalb?) zugleich poetisch. So legt sie die Kerne ihrer Erfahrungen und Schlußfolgerungen frei, die trotz oder gerade wegen ihrer vielen Lebensjahre in Fragen und Erstaunen münden.
Die Essenz ihrer Essenzen ist nur in und zwischen den Zeilen dieses knapp 90 Seiten umfassenden Buches nachzulesen, dennoch hier ein Versuch: Zum einen die geheimnisvolle Unausweichlichkeit vieler Geschehnisse, wie z.B. in Eidon die "Verhinderung" des Aufeinander-Zuwachsens in einer Tropfsteinhöhle oder der Tod eines Geisteswissenschaftlers vor dem Diktat seines "im Kopf" fertiggestellten Werkes. Zum anderen, daß es eben nur der oder die einzelne ist, wie z.B. die Schwester Kafkas, die den Lauf der Welt zu verändern vermag.
Am Ende ihres Briefwechsels heißt es: Ich habe "wenig publiziert, tue nichts dazu, Verbindungen aufzunehmen in die Inflation von Reden und Schreiben."
Diesem Anspruch wird Anna Maria Jokl völlig gerecht, denn sie gibt "nur" das Wesentliche wieder - und der Gehalt ihrer 90 Seiten wiegt weit schwerer als so mancher, dicker Gelehrten-schinken.

Weitere Besprechungen zu Werken von Anna Maria Jokl siehe:
Anna Maria Jokl: Essenzen (1993)
Anna Maria Jokl: Zwei Fälle zum Thema "Bewältigung der Vergangenheit" (1997)

Buechernachlese © Ulrich Karger


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