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Michael Klonovsky (Hg.): Birger Sellin

Ich will kein Inmich mehr sein

Botschaften aus einem autistischen Kerker von Birger Sellin
Kiepenheuer & Witsch, Köln 1993, 213 S., ISBN: 3-462-02289-X, >>> Amazon

Bisher galt es als ausgemachte Sache, daß Autisten zwar wie im Film "Rain man" z.B. in der Lage sind, ganze Telephonbücher auswendigzulernen, aber sich ansonsten völlig in sich zurückziehen und scheinbar nichts von dem registrieren, was um sie herum geschieht. Weitere Symptome (in graduell unterschiedlichem Ausmaß): Schier endlose Schreikrämpfe, Stereotypien zur Selbst-Beruhigung (z.B. ständig Sand durch die Finger rieseln lassen), das Nichtertragenkönnen sich verändernder Abläufe im Alltag, völliges Verstummen ...
Birger Sellin ist 20 Jahre alt und Autist. Noch vor drei Jahren nahm man an, daß er unheilbar geisteskrank und zu keiner Kommunikation fähig ist. Dann lernte Birgers Mutter "facilitated communication" als eine Methode kennen, die es ihm nach mühevoller Übung nun ermöglicht, sich mittels einer Schreibmaschine oder einem PC auszudrücken. Die im besten Sinne erschütternde Bedeutung dieses Vorgangs für die Familie Sellin ist aber nur eine Facette der BOTSCHAFTEN AUS EINEM AUTISTISCHEN KERKER, die in dem sensiblen Vorwort von Michael Klonovsky ausführlich beschrieben wird. Das Andere aber sind die um Präzision ringenden Wortschöpfungen B.S.s, die als wirklich neuer Zungenschlag in der Literatur gelten dürfen. Sie prägten nicht nur seine ersten persönlichen Mitteilungen an die Familie, sondern schon bald auch Gedichte und kleine Prosatexte. Tatsächlich mußte der Autor der mit ICH WILL KEIN INMICH MEHR SEIN betitelten Botschaften, nicht erst das Lesen lernen. Er hatte es sich, ohne daß die Eltern auch nur die leiseste Ahnung davon hatten, bereits mit fünf Jahren selbst beigebracht. Neben den beklemmenden Metaphern für seine Angst und für seine Wut, vor anderen "kistenweise unsinn" zu produzieren, finden sich auch Sentenzen von bezaubernder Poesie und hinreißender (Selbst-)Ironie. Ein kleiner Auszug daraus, der Jahreszeit entsprechend:
"...zur weihnacht sind mir die menschen so nah/reiner irrsinn ohnegleichen in vernünftigen köpfen/weihnachten liebe ich euch besonders/dann werdet ihr mindestens so irre wie ich".
Natürlich ist dieses Buch sensationell - ein noch längst nicht geheilter Autist liefert den Beweis, daß Autismus nicht zwangsläufig Geistiges Behindertsein bedeutet - aber es darauf zu verkürzen, wäre ein großes Unrecht an B.S. und an uns selbst. Diesem Buch nur halb soviel Aufmerksamkeit zu schenken, wie B.S. Mühe aufbrachte, es zu verfassen, würde uns dem jeweiligen Anderssein von uns Menschen um ein Beträchtliches näherkommen lassen.

Weitere Besprechungen zu Werken von Birger Sellin siehe:
Birger Sellin: Ich will kein Inmich mehr sein (1993 hrsg. von Michael Klonovsky)
Birger Sellin: ich deserteur einer artigen autistenrasse (1995)

Buechernachlese © Ulrich Karger


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