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Birger Sellin

ich deserteur einer artigen autistenrasse

neue botschaften an das volk der oberwelt
Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 1995, 254 S., ISBN: 3-462-02457-4, >>> Amazon

Neues vom "deserteur einer artigen autistenrasse"

Michael Klonovsky hat das zweite Buch von Birger Sellin herausgegeben. Der "deserteur einer artigen autistenrasse" sendet mit seinen vom Januar 1993 bis Dezember 1994 abgespeicherten Texten "neue botschaften an das volk der oberwelt". Auch hierin finden sich wieder Gedichte, oder genauer: Gedankenverdichtungen, die nicht nur ins Herz treffen, sondern schlicht in Erstaunen versetzen - und dies unabhängig vom Kontext der Behinderung des Autoren.
"... ausdrucksstark sind meine aussernebeldenkweisen/jetzt aber herrscht nebel". Nach der ersten Euphorie, daß es Birger Sellin als "stummen Autisten" überhaupt gelingt, mit seiner Umwelt wieder in Kontakt zu treten, folgt die subjektive Enttäuschung, daß seine Entwicklung nun nicht weiter in Sieben-Meilen-Stiefeln voranschreitet. Immer wieder die Frage, warum er nicht wie alle anderen "ein einfacher Mensch" sein kann. Von außen betrachtet, und in seinen "ruhigen" Momenten auch ihm selbst bewußt, dokumentiert sich aber in den Texten erstaunlich viel Leben:
Sein erstes Buch wird veröffentlicht; das Fernsehen zeigt eine Dokumentation über ihn; hunderte von Briefe erreichen ihn; er schafft es sogar, für zweieinhalb Monate ohne Schreianfälle die 11. Klasse eines öffentlichen Kollegs für Erwachsenenbildung zu besuchen, um sich, nun allerdings im Einzelunterricht, auf das Abitur(!) vorzubereiten. Sein größtes Erfolgserlebnis jedoch hat er, als es ihm nun auch gelingt, einzelne Wörter ohne Unterstützung von "Facilitated communication" in den Computer zu tippen.
(Erst kürzlich hat er sogar dies noch einmal übertroffen, indem er sich dank Stern-TV seinen Wunsch erfüllte, in einem live-Interview mit Günter Jauch per Computer der "Außenwelt" direkt gegenüberzutreten.)
Die "Außenwelt" ist neben dem Superlativ an Anerkennung aber auch für eine der größten Enttäuschungen "gut", und diese wird ebenfalls in Birger Sellins Texten reflektiert: Nicht nur der "Spiegel" behauptete, die Texte seien nicht von ihm, sondern von seiner "ehrgeizigen" Mutter verfaßt.
Nach einem Test, der für Birger Sellin seinerzeit noch eine "Tortur dritten Grades" darstellte, nahm der "Spiegel" diese Behauptung dann immerhin zurück. Stellt man sich die Frage, was längere Zeit in Anspruch nehmen wird: Die Bereitschaft einer "Mehrheit" sich ernsthaft auf die Vielfalt eines jeden Einzelnen von uns einzulassen oder, bei allen Schwankungen und Beschränkungen, die Entwicklung Birger Sellins, dürfte der junge Autor eindeutig die besseren Karten in der Hand halten.

Weitere Besprechungen zu Werken von Birger Sellin siehe:
Birger Sellin: Ich will kein Inmich mehr sein (1993 hrsg. von Michael Klonovsky)
Birger Sellin: ich deserteur einer artigen autistenrasse (1995)

Buechernachlese © Ulrich Karger


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