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Doron Rabinovici

Ohnehin

Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2004. 256 Seiten. 18,90 Euro. ISBN: 3-518-41604-9, >>> Amazon

Mitte der neunziger steht der Neurologe Stefan Sandtner kurz vor der Vertragsverlängerung als ihm die unerwartete Wirkung einer Medikamentation auffällt, die dem Gedächtnis altersdementer Menschen wieder auf die Sprünge helfen könnte. Zugleich überrollt ihn aber auch das Ende seiner Beziehung zu Sonja. Wie ein Gottesgeschenk erscheint ihm da das 4Angebot seines vorgesetzten Professors, doch während einer Auszeit von der Klinik eine Studie zu dieser neuartigen Medikamentationsmöglichkeit vorzubereiten. Noch dazu wo Sandtner auf ein passendes Studienobjekt aus seiner einstigen Nachbarschaft gestoßen ist - ein alter Arzt, der sich nichts länger als 15 Minuten merken kann und davon ausgeht, gerade die ersten Nachkriegstage im Jahre 1945 zu erleben. Nach drei Bänden mit Essays und "Einmischungen" ist bei Suhrkamp endlich wieder ein Roman von Doron Rabinovici erschienen. Dieser in Tel Aviv geborene Wiener Autor, Jahrgang '61, lässt sich offenbar Zeit. Nach seiner Storysammlung "Papirnik" drei Jahre für den darauf folgenden Episodenroman "Suche nach M." und danach nun sogar sieben Jahre für den neuen Roman "Ohnehin". Worüber sich Werbestrategen und Sortimenter die Haare raufen mögen, ist für uns Leser ein Glücksfall - denn Rabinovicis Prosa ist komponiert wie das Räderwerk einer Uhr und in seiner Sprachregelung von ausgereifter Subtilität. Leichtgängig greift eins ins andere, zieht den Spannungsbogen mit überraschend gegenläufigen Pointen an, die uns Leser immer wieder einfangen, wach halten, entsetzt auflachen lassen über Spiegelungen, in denen man die Augen auch nicht mehr vor sich selbst verschließen kann.
Sich mit den vergangenen und gegenwärtigen Wirklichkeiten in Wien auseinanderzusetzen und dabei um das Stichwort "Vergessen" zu kreisen, ist eine Gratwanderung, die höchste Risiken birgt. Wie leicht rutscht das ins allzu Plakative und nur Gutgemeinte eines Katalogs sattsam bekannter Klischees ab. Dagegen setzt Rabinovici dem Aberwitz neue Glanzlichter auf, lässt in seinen zahlreich eingestreuten szenischen Vignetten z.B. ein Symposion zum Antisemitismus in Osteuropa von "noblen nichtjüdischen Menschen" vorbereiten, die, "nicht selten von Schuldgefühlen heimgesucht, beschlossen hatten, ihre Gesinnung gegen den Judenhaß zu bekunden". Eingeladen wurde dazu ein Rabbi als Vortragsredner, dessen Rede in jiddisch aber derart gegen die Erwartungshaltungen der Einladenden stieß, dass die Übersetzerin kurzerhand ein anderes Echo lieferte. Zufrieden waren am Ende dennoch alle: Die Ultraorthoxen genauso wie die Liberalen.
Oder Bärbl, das längst erwachsene Kind des Studienobjekts, das sich für ihren Tätervater derart schämt, dass sie ihn trotz seiner Krankheit noch unbedingt mit seinen Gräueltaten konfrontieren will, dafür aber bei dem gleichaltrigen "Opferkind" Lew Feininger kein Verständnis findet. "Ich will kein Kind mehr sein. Ich bin erwachsen. Du auch. Es ist an der Zeit." Oder die geheime Liebesbeziehung zwischen den Nachkommen türkischer und griechischer "Standler" in der orientalisch anmutenden Szenerie des berühmten Wiener Naschmarktes, die das Vergessen auf ganz andere, aktuellere und doch ganz ähnliche Weise durchdekliniert.
Zu bewundern ist aber nicht zuletzt auch Rabinovicis Sprachfertigkeit, die seine Prosa zuweilen allein mit einem Wort unaufdringlich aufzuladen weiß: " biß in eine Feige, pflückte sich eine Traube, brach einen Zopf vom türkischen Käse herunter, summte auf und rollte dabei die Augen."
Und den bornierten Irrwitz eines alsbald so erfolgreichen wie berüchtigten Kärntners zitiert er zwar wortwörtlich, umgeht dessen Namens- und Funktionsnennung aber geschickt in der Umschreibung vom "Rechtsrechten". Geht die Geschichte von Stefan Sandtner, der sich nach und neben Sonja in eine Dokumentarfilmerin aus Bosnien verliebt, "gut" aus? Sie geht weiter, immer weiter, insbesondere in den Köpfen der Leser und Leserinnen ...

Weitere Besprechungen zu Werken von Doron Rabinovici siehe:
Doron Rabinovici: Papirnik (1994)
Doron Rabinovici: Suche nach M. (1997)
Doron Rabinovici: Ohnehin (2004)

Buechernachlese © Ulrich Karger


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