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Marcel Reich-Ranicki

Mein Leben

Autobiographie. DVA Verlag, Stuttgart 1999. 566 S.; 49,80 DM; ISBN: 3-421-05149-6, >>> Amazon

Selbst der Mißgünstigste in der Medienszene kann Marcel Reich-Ranicki nicht bestreiten, daß er Persönlichkeit genug ist, um eine Vielzahl von Lesern auf seine Autobiographie neugierig zu machen. 'Mein Leben' hat der nahezu 80-jährige seiner Ehefrau und dem gemeinsamen Sohn gewidmet. Seine Ein- und Auslassungen über beide sind voll respektvoller Zärtlichkeit, die atmosphärisch das ganze Buch durchweht. Daran ändern auch die Erwähnungen zweier, dreier Affären seit seiner Verheiratung nichts. MRRs Privatissimum bleibt nämlich in einem elegant gehaltenen Schwebezustand, der zwar wohl manches ahnen und vermuten läßt, dabei aber deutlich macht, hier wird eine klare Grenze gezogen und die Gründe dafür gehen uns nichts an.

Im Vordergrund stehen bei MRR natürlich die Literatur sowie seine Zeitzeugenschaft als Überlebender des Warschauer Ghettos. Wer sich von ihm im Literarischen Quartett gern unterhalten läßt, wird sich jedenfalls ganz gewiß nicht enttäuscht sehen, denn MRR schreibt und erzählt wie er spricht. In seinem Fall heißt das, er ist ein fesselnder Plauderer, der nicht aus dem Ruder läuft und genau weiß, wie er Rhythmus und Spannung zu halten hat und einen Abschnitt auf eine Pointe oder Erkenntnis zulaufen läßt. Mit großem Vergnügen liest man so von den Hintergründen seiner Liebe zur Musik oder zu den Autoren des vorigen Jahrhunderts oder wie er überhaupt zur Literaturkritik gekommen ist. Auch seine Feststellung, daß Autoren allesamt sehr eitel sind, ja sogar wohl eitel sein müssen, damit sie überragend seien, wird hier verdeutlicht. Eitelkeit ist MRR auch nicht gerade fremd, aber in einem wesentlichen Punkt unterscheidet er sich von den unzähligen Literaturgrößen, denen er im Laufe seines Lebens begegnet ist: Er vergißt niemanden, dem er Dank schuldet, auch wenn sich später eine freundschaftliche Beziehung ins Negative gewendet hat. Hier versucht er auch durchaus mit sich selber ins Gericht zu gehen. Auch was seine politische Einstellung angeht, wird er wohl so manchen mit seinem abgeklärt humanistischen Liberalismus überraschen. Seine zuweilen ja sehr harschen und einseitigen Beurteilungen von Büchern haben also nichts mit 'Diktatur', sondern vielmehr mit seinem zurecht nicht geringen Selbstbewußtsein innerhalb eines vielfältigen großen Ganzen zu tun. Am bewegendsten sind jedoch gewiß die Schilderungen seines Überlebens im 'III. Reich' und seine anschließenden Erklärungen, warum er als von den Nazis verfolgter Jude immer noch am liebsten in Deutschland lebt. Nicht zuletzt dafür verdient MRR schon unsere Sympathie und Wertschätzung. Was das Buch selbst angeht, gebe ich ihm auf der MRR'schen Skala ein eindeutiges: Keinesfalls langweilig.

Weitere Besprechungen zu Werken von Marcel Reich-Ranicki siehe:
Marcel Reich-Ranicki: Die Anwälte der Literatur (1994)
Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben (1999)

Buechernachlese © Ulrich Karger


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