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Harry Rowohlt

Der Kampf geht weiter!

Nicht weggeschmissene Briefe. Heyne Verlag, München 2006. 464 Seiten. 9,95 Euro. ISBN: 3-453-40471-8, , >>> Amazon

Harry Rowohlt ist Übersetzer, Vorleser, Kolumnenschreiber, Schauspieler und kokettierender Längst-nicht-mehr-Anteilsbesitzer des einst vom Vater gegründeten Verlagshauses gleichen Nachnamens. Und er ist ein begnadeter Briefeschreiber.
Aus 30000 losen Seiten hat Anna Mikula Briefe aus 40, die unglaublichen, ins Jahr 1956 datierten "Vorübungen" mitgezählt, sogar aus 50 Jahren zusammengestellt. Vordergründig erinnert Harry Rowohlts Briefschreiben an den unbekümmerten Charme genialischen Wortwitzes bester Pardon-Zeiten, zu deren Mitbegründern z.B. kein geringer als der leider kürzlich verstorbene Dichter Robert Gernhardt zählte. Dabei den titelgebenden, linken Kampfgruß nur selten vermeidend, der u.a. auch eine Wahlkampfunterstützung für Gysi und die PDS verteidigt, braucht es schon den zweiten oder dritten Blick, um zwischen den Zeilen ein wenig seines normalsterblich verletzlichen Egos auszumachen.
Aber wer vor allem einen auf- und abgedrehten Harry Rowohlt erleben will, wie er, egal ob prominenter oder nicht prominenter Adressat, auf zitatenreicher Klaviatur Liebenswürdigkeit, ja, Ehrfurcht gegenüber geschätzten Menschen zum Ausdruck bringt oder jedwedes Gequatsche, zielgenau zustechend, zur Seifenblase macht, wie er immer wieder aus dem Stehgreif barock überbordende Anekdoten einschiebt oder auch mal Verse zu Nashornasen reimt, der kommt hier voll auf seine Kosten. Und für Leute, die mal sehen wollen, wie sehr sich Schulenglisch vom Englisch eines Pu-der-Bär- oder der Werke Flann O'Briens-Übersetzers unterscheidet, die werden ihre helle Freude an den englischen Original- und Antwortbriefen und ihren sich jeweils anschließenden Übersetzungen durch Harry Rowohlt haben. Überhaupt reizvoll, dass nicht nur die eine Seite, sondern zumeist auch die Schreiben der Ansprechpartner Harry Rowohlts nachzulesen sind. Wer jüngst nach dem autobiographischen Zeug unseres aktuellen Literaturnobelpreisträgers schon den Glauben an die Selbstbilder von Autoren verloren hat, wird die köstlichen Austäusche von und mit Harry Rowohlt wie zwerchfellschmierenden Balsam erleben. Ironisch Bissiges findet einen Basso continuo durchgängig gepflegter Selbstironie, die jedweden Pathos sofort durchsichtig und zur Lachnummer macht. Das ist natürlich nicht der "ganze" Harry Rowohlt, wie auch sein beneidenswertes Äußeres - wer hat schon noch mit über 60 soviel Haare auf dem Kopf? - nur tumben Spießern den Blick auf sein umfangreiches Werkverzeichnis versperren könnte.
Und - dem alten Kampfklingler und Sohn seines Vaters müsste es ein besonderes sozialistisches Vergnügen sein - all diese schönen Briefe gibt es jetzt auch als seinen Preis allemal wertes Taschenbuch.

Weitere Besprechungen zu Werken von Harry Rowohlt siehe:
Harry Rowohlt (Übersetzung) - Alan Alexander Milne: Pu der Bär - Pu baut ein Haus (2006)
Harry Rowohlt: Der Kampf geht weiter! - Nicht weggeschmissene Briefe (2006)
Harry Rowohlt (Text): Ich, Kater Robinson (2011
Harry Rowohlt (Übersetzung) - Philip Ardagh: Familie Grunz hat Ärger (2013)

Buechernachlese © Ulrich Karger


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