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Aryeh Lev Stollman

Der ferne Euphrat

Roman. Kindler Verlag, München 1998, 173 S., ISBN: 3-463-40324-2, >>> Amazon

In den sechziger Jahren wächst Alexander als Sohn eines Rabbi unweit der US-amerikanischen Grenze in Kanada auf. In der beschaulichen Kleinstadt Windsor sind neben dem Vater und der ängstlichen Mutter auch noch die Frau des Kantors, der Kantor selbst und dessen Zwillingsschwester Hannalore wichtige Bezugspersonen für Alexander. Alle geben ihr Möglichstes, um dem Jungen Geborgenheit zu vermitteln - dennoch gibt Alexander erst als frischgebackener Student seine Zurückgezogenheit auf und vermag in all diesen Personen "Gottes Gnade und liebende Freundschaft" vereinigt sehen.
Aryeh Lev Stollman läßt den Leser an der Innenschau eines Kindes teilhaben, das den Reifeprozeß vom 10. bis zum 18. Lebensjahr als Initiationskette erfährt. Aber nicht die üblichen Riten erwachender Sexualität werden hierbei zur Offenbarung, sondern das Gewahr- und Ertragenlernen tragischer Geheimnisse. Dieses Reifen und Durchschauen geschieht bei Alexander deshalb auch nicht in spektakulären Rebellionsschüben oder ironisierend egozentrischer Nachbetrachtung, sondern es setzt auf genaue Bobachtung von Episoden, die erst zum Ende hin ihre melancholische Zuspitzung finden. Die Konstruktion des sich zurücknehmenden, wenn nicht gar mutistischen Ich-Erzählers macht aus allen eingeführten Personen gleichgewichtige Handlungsträger. Obwohl allesamt höchst eigenwillig, zuweilen scheinbar sogar eigensüchtig, gerät auch der Leser zu keiner Zeit in die Position des verurteilenden Richters. Es ist, wie es ist - alles ist Teil einer Geschichte. Als Alexander sich schließlich mit sechzehn auf "Zimzum" begibt und neun Monate lang sein Zimmer tagsüber nicht mehr verläßt, ist man denn auch weniger perplex als gespannt, wohin das letztendlich noch führen mag.
Sprachlich von poetischer Dichte werden nach und nach die Geheimnisse erkennbar, mit denen Nachgeborene von Holocaust-Überlebenden ihr Leben lang zu kämpfen haben. Aryeh Lev Stollman hat es verstanden, diesem Kampf eine Form zu geben, die es auch uns anderen erlaubt, mit ein wenig mehr Verständnis daran teilzuhaben.

Weitere Besprechungen zu Werken von Aryeh Lev Stollman siehe:
Aryeh Lev Stollman: Der ferne Euphrat (1998)
Aryeh Lev Stollman: Im Spiegel meiner Seele (2002)

Buechernachlese © Ulrich Karger


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