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Büchernachlese-Bestenliste 2016

Véronique Bizot

Menschenseele

Roman. Aus dem Französischem von Tobias Scheffel und Claudia Steinitz. Steidl Verlag, Göttingen 2016. 144 Seiten. 18,00 Euro. ISBN: 978-3-95829-136-2, >>> Amazon

In der Abgeschiedenheit französischer Berge bilden vier Männer die Zweckgemeinschaft eines losen Miteinanders, das vor allem auf der Wertschätzung eines einvernehmlichen Schweigens beruht. Zuweilen redet einer etwas, aber keiner der anderen antwortet darauf. Der Erzähler, ein Mittzwanziger, redet seit dem Brand, bei dem abgesehen von einem Bruder keiner der Familie überlebt hat, sowieso gar nichts mehr. Der doppelt so alte Bruder kümmert sich um ihn, schlägt sich mehr schlecht als recht mit Übersetzungen durch und trauert einer großen Liebe hinterher, die er nicht zu halten vermochte. Der unweit von ihnen in einem großen Haus zurückgezogen lebende, sehr berühmte Theaterautor Adrien Fouks vergibt an ihn einige Aufträge, wehrt sich aber ansonsten standhaft, irgendwelche Briefe von Fans, Kritikern oder Verlagen zu lesen, geschweige denn zu beantworten. Und dann ist da noch Montoya, der ein Fan von Fouks ist, sich aber selbst noch ein Stück weiter einen Berg hinauf in eine verwahrloste ehemalige Autowerkstätte zurückgezogen hat, die er zuvor von einem ebenso an Einsamkeit interessierten Maler übernommen hatte.
Der Erzähler, namenlos wie sein Bruder, versteht mit einem kafkaesken Sinn von Humor sehr gut zu beobachten, und wiewohl zumeist das Schweigen im Vordergrund steht, hat er über dieses Quartett eine ganze Menge mitzuteilen. Zuletzt unternimmt es gemeinsam eine Reise nach Turin, wo sie das Haus besuchen, in dessen Treppenhaus sich ein Schriftsteller das Leben genommen hatte - und es kommt zu einer unerwarteten Auflösung
Véronique Bizot hält ihr bereits ausgezeichnet hohes Niveau und legt mit "Menschenseele" einen zwar nicht sehr umfangreichen, aber von Tobias Scheffel und Claudia Steinitz hervorragend übersetzten, sprachlich wunderbar ausbalancierten Roman vor. Ihre Sätze, nicht selten halbe Seiten lang, haben, was ihren Fluss angeht, lyrische Qualität und verlangen einem ein etwas Mehr an Aufmerksamkeit ab. Durch irgendetwas während der Lektüre abgelenkt, sie ein zweites Mal lesen zu müssen, ist dann aber nur doppelter Genuss und - abgesehen von der störenden Ablenkung - keineswegs ärgerlich.
Der das Brüderpaar bestimmende Tod der Familie und ihr Aufeinanderangewiesensein, ihre erzwungene und die freiwillige Abkehr von Lebendigkeit der beiden anderen Männer scheinen erst ein Abarbeiten der Autorin an Männern und ihre Dialogunfähigkeit zu meinen, die vor allem skurrile Effekte zeigt. Doch eine zwischendurch aufscheinende Verwandte der Brüder ist in ihrer monologisierenden Geschwätzigkeit kaum weniger skurril. Und am Ende löst sich all das Schweigen der Männer ganz paradox aber plausibel in einer tiefen Verbundenheit auf.
Wie alle Bücher ist gerade dieses Buch eines, das sich die Leser zueigen machen und ihre eigene Verknüpfung zu großen Themen wie Tod, Wertschätzung des Wortes, der Menschen oder des Lebens insgesamt bilden können. Jede/r wird es anders lesen - und in jedem Fall sehr anregend unterhalten werden.

Weitere Besprechungen zu Werken von Vèronique Bizot siehe:
Vèronique Bizot: Meine Krönung (2011)
Vèronique Bizot: Eine Zukunft (2012)
Vèronique Bizot: Die Heimsucher (2015)
Vèronique Bizot: Menschenseele (2016)

Buechernachlese © Ulrich Karger



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