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Büchernachlese-Extra: Hans Magnus Enzensberger

Hans Magnus Enzensberger / Uwe Johnson

"fuer Zwecke der brutalen Verständigung"

Der Briefwechsel. Herausgegeben von Henning Marmulla und Claus Kröger. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 2009. 343 Seiten. 26,80 Euro. ISBN: 978-3-518-42100-0, >>> Amazon

Eröffnet durch einen Brief am 23. Dezember 1959 von Uwe Johnson an Hans Magnus Enzensberger, entwickelte sich daraus ein bis zum April 1967 steter, danach bis April 1975 nur noch vereinzelter Briefwechsel.
Ein Vergleich u.a. zu dem 2007 herausgegebenen Briefwechsel zwischen Uwe Johnson, Anna und Günter Grass drängt sich auf - durch die sich austauschenden Protagonisten, ihre Themen und die sich überschneidenden Zeiträume. Der von Henning Marmulla und Claus Kröger herausgegebene Briefwechsel "Hans Magnus Enzensberger / Uwe Johnson: ‚fuer Zwecke der brutalen Verständigung'" versammelt insgesamt 161 Briefe, zwischen die nur eine Handvoll auch mit anderen Absendern eingestreut wurde. Somit erweist sich die schriftliche Korrespondenz zwischen Enzensberger und Johnson als weit engmaschiger und umfangreicher als der zwischen Johnson und Günter Grass.
Für den Leser wird es nachgerade zum Genuss, wie die beiden sich hierin die Bälle zuwerfen und Geistreiches über Alltag und Politik, vor allem aber über die Literatur und sich daraus ergebende Projekte wie z.B. eine über Jahre hinweg nicht zustande gekommene internationale Literaturzeitschrift und dem dann umso mehr gelungenen Ableger davon, nämlich "Das Kursbuch" unter der Ägide Enzensbergers. Insbesondere Johnsons Briefe werden zu einem ‚Work in progress', sind seine Briefe an Enzensberger nicht selten auch literarische Etüden, die sich in Teilen und entsprechend verändert auch in seinen Veröffentlichungen wiederfinden. Dies umso erstaunlicher vor dem Hintergrund, wie jung diese Autoren seinerzeit waren, als sie sich zu schreiben begannen: Johnson gerade 26, Enzensberger 30 Jahre alt.
Als sich der Bruch zwischen den beiden in den Briefen niederschlägt, ausgelöst durch das Verhalten von Enzensbergers frisch von ihm getrennter Ehefrau Dagrun und seines Bruder Ulrich, ist das auch für den Leser ein Schock. Allein die Briefe und die leider erst im Anhang ohne Hilfestellung eines Lesebändchens nachzulesenden Anmerkungen, Erläuterungen und Kommentierungen dazu lassen Johnsons Enttäuschung sehr plausibel erscheinen - er hatte von seinem Gegenüber über das rein Kollegiale und Projektbezogene ihrer Beziehung hinaus offenbar auch ein Mehr an persönlichem Vertrauen und daraus abzuleitender Verantwortlichkeit erwartet.
Während der fünf Jahre jüngere Johnson Enzensberger nicht nur eine hohe Geldsumme für dessen Hauskauf in Berlin vorgestreckt hat und seinen Verwandten im Vertrauen auf ihn ohne Weiteres auch seine zwei Wohnungen in Berlin zur Verfügung stellte, hat Enzensberger ihm von sich aus die Trennung von seiner Frau gar nicht erst mitgeteilt und meinte später nur lapidar, er sei nicht der "Hüter" seiner Verwandten als diese 1967 samt der Kommune I die Wohnungen auf den Kopf stellten und Johnson ihn deshalb um Vermittlung bat.
Die Kosten für die Schäden an den Wohnungen sind dann noch bis zuletzt ein Thema, als Enzensberger 1975 schließlich in Teilen für sie aufkommen will. Natürlich spiegeln die Briefe keinesfalls den vollständigen Austausch der beiden Literaten wider, allein schon deshalb ist Vorsicht bei irgendwelchen Schuldzuweisungen geboten.
Für Psychologen böte sich jedoch gewiss ein weites Feld, wollten sie einmal sämtliche im Hause Suhrkamp veröffentlichten Briefwechsel dieser Schriftstellergarde aus den 1960ern in einen synoptischen Vergleich zueinander setzen. Sie sind nicht zuletzt auch ein Schauplatz von Niederungen im Großartigen sowie den unterschiedlich gewachsenen Selbstverständnissen, wenn sie eher auf der Herkunft eines "bourgeoisen" Großbürgertums oder eines ums Überleben kämpfenden Kleinbürgertums gründen.
Abgesehen von seiner Platzierung ist der Anhang inkl. Nachwort der Herausgeber sehr instruktiv und das Buch insgesamt auf jeden Fall eine sehr lohnende Lektüre, dem Zeitgeist des einst geteilten Deutschlands und zweien seiner prominentesten über den Tellerrand schauenden Akteure auf die Spur zu kommen.

Weitere Besprechungen zu Werken von Hans Magnus Enzensberger siehe:
Büchernachlese-Extra: Hans Magnus Enzensberger

Weitere Besprechungen zu Werken von Uwe Johnson siehe:
Uwe Johnson - Anna Grass - Günter Grass: Der Briefwechsel (2007)
Uwe Johnson - Hans Magnus Enzensberger: "fuer Zwecke der brutalen Verständigung" - Der Briefwechsel (2009)
Uwe Johnson - Philipp Otto Runge: Von dem Fischer und seiner Frau (2011

Buechernachlese © Ulrich Karger


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