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Arnon Grünberg

Tirza

Roman. Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten. Diogenes Verlag, Zürich 2008. 573 Seiten. 21,90 Euro. ISBN: 978-3-257-06637-1, >>> Amazon

Der Endfünfziger Jörgen Hofmeester hat nur noch einen Fixpunkt im Leben: Seine Tochter Tirza, die sich nach ihrem Abitur jetzt aber auch von ihm verabschieden will ...
Was im Klappentext unter dem Rubrum "Was es heißt, krank zu sein vor Liebe zum eigenen Kind" vorgestellt wird, muss jedoch einen anderen Text meinen.
Arnon Grünberg hat in seinem neuen Roman "Tirza" vielmehr ein Memento mori zu schaffen gesucht, das die Risiken des Aneinandervorbeiredens oder gar nicht miteinander Redens aufzeigt. Und das alles aus der einen Perspektive Hofmeesters, so dass hier eigentlich nicht von Roman, sondern von einer Langerzählung die Rede sein müsste. Dieser Protagonist hat sich offenbar schon als Kind in sich und später in seine als Lektor zu betreuende Autoren- und Bücherwelt zurückgezogen, anstatt auf Fragen und Antworten zu bestehen und zugleich angemessenes Interesse an seiner Umwelt und insbesondere an seiner Familie zu zeigen. So betrügt und verlässt ihn seine Ehefrau, will seine älteste Tochter schon lange nicht mehr mit ihm reden, wird er von seinem Arbeitgeber durch einen Vorruhestand ohne Gehaltsverlust gedemütigt - und am Ende will die Jüngste, Tirza, mit ihrem Freund nach bestandenem Abitur eine Afrikareise unternehmen. Dieser junge Mann sieht in den Augen Hofmeesters noch dazu einem der Terroristen vom 11. September ähnlich, ja scheint eine Wiedergeburt desselben zu sein. Eine Bedrohung seiner einzig vermeintlichen Liebe, die Hofmeester nicht einfach hinnehmen kann.
Immer wieder blitzt in diesem bislang umfangreichsten Werk Grünbergs hinreißende Begabung für absurde Dialoge und Situationskomik auf, um damit wiederum Anlauf zu holen für eine Atmosphäre der Beklemmung. Das lässt einen bis zum Ende des Buches dranbleiben, um sich dann aber doch in seiner Befürchtung bestätigt zu sehen: Der beim Verfassen noch nicht 35-jährige Autor hat sich beim Versuch der Imagination eines wesentlich älteren Protagonisten und seiner Anschauung von Beziehungen verhoben. Das, was er ihm in die Schuhe schiebt, wird lediglich durch die Pathologie eines hier nicht zu verratenden Endes gerechtfertigt, der auch ein nahezu Gleichaltriger hätte unterworfen sein können. Mit der Affenliebe eines altgewordenen Vaters hat das jedenfalls rein gar nichts zu tun.
Bleibt die Erkenntnis: Am besten, und zwar auf äußerst hohem Niveau, präsentiert sich Grünberg bislang in seinen Werken mit einem Umfang von bis zu 250 Seiten. Und bis zu seinem 60sten ist es ja noch eine Weile hin ...

Weitere Besprechungen zu Werken von Arnon Grünberg alias Marek van der Jagt siehe:
Marek van der Jagt: Amour fou (2002)
Arnon Grünberg: Gnadenfrist (2006)
Arnon Grünberg: Der Heilige des Unmöglichen (2007)
Arnon Grünberg: Tirza (2008)

Buechernachlese © Ulrich Karger


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