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Horst Herrmann (Hg.)

Jutta Ditfurth: Was ich denke

Reihe QUERDENKEN. Goldmann Verlag, München, 1995, 95 S., ISBN: 3-442-12515-4, >>> Amazon

In der von dem Kirchenkritiker Horst Herrmann herausgegebenen Reihe "Querdenken" meldet sich nun auch Jutta Ditfurth zu Wort. Einst Mitbegründerin und Sprecherin im Bundesvorstand der GRÜNEN, verließ sie die Partei 1991, um alsbald die ÖKOLOGISCHE LINKE zu gründen. Seit 1992 ist sie zudem eine von drei Bundesvorsitzenden der gewerkschaftlichen Deutschen Journalisten-Union (dju) und ehrenamtliches Mitglied im Haupvorstand der IG-Medien.
Überschrieben ist ihr Essay: "Anders oder gleich? Über die Entwertung des Menschen". Ausgehend von der Égalité der französischen Revolution bishin zu der im Grundgesetz verbrieften Gleichheit des Menschen, argumentiert sie mit einer Vielzahl von erschütternden Nachweisen (aber leider auch mit einer Vielzahl undifferenzierender Behauptungskeulen), daß diese Gleichheit bestenfalls in Ansätzen vorhanden war und z.Zt. und vor allem auf lange Sicht demontiert werden würde.
Einleitend heißt es dazu: "Was aus ihm (dem Menschen; U.K.) wird, hat vor allem mit den gesellschaftlichen Verhältnissen zu tun, in denen er lebt, auch mit einigen Entscheidungen, die er in diesem engen Rahmen treffen kann. Und was könnte der Mensch alles sein! Um sein ganzes Potential zu entfalten, müßte er allerdings in wirklicher Freiheit leben und wirklich gleich sein."
Es folgt eine Analyse, die sich in erster Linie auf die philosophischen Vorgaben von Marx und Engels beruft. Das ist völlig legitim, beweisen doch die von Ditfurth gewählten Zitate beklemmende Aktualität. Problematisch ist allerdings ihr andere Denkweisen verkürzender und ausschließender Absolutismus inklusive der durchscheinenden Behauptung, Marx und Engels als einzige "wirklich" deuten zu können. Letzteres verlangt denn auch die Frage nach dem Addressaten ihrer Gedanken. Ein Mensch in Deutschland kann es kaum sein, denn: "Manchmal erscheint mir dieses Land wie der Ursprung aller Obrigkeitsstaatlichkeit, das Nest aller UntertanInnen." Angehörige einer Religionsgemeinschaft können es auch nicht sein, denn: "Alle großen Religionen, extrem kulturschaffende Ideologien der Herrschenden, waren antiemanzipatorisch und frauenunterdrückend, bevor es den Kapitalismus gab. Der Kapitalismus darf sich allerdings die Eigenschaft zuschreiben, alles ihm nützliche Inhumane aus den geplünderten, unterworfenen Kulturen auf das Wirkungsvollste miteinander verknüpft zu haben."
Nur sie scheint als Märtyrerin der Erkenntnis den Kapitalismus richtig einschätzen zu können. Dabei erinnert sie an jene StudentInnen, die einst vor den U-Bahnhöfen ihr gutgemeintes Flugblatt-Kauderwelsch zum Besten der ArbeiterInnen weitergaben.
Wer sich links von der Mitte der SPD begreift, sollte dennoch weiterlesen und z.B. die privatimen, wie für die BILD-Zeitung formulierten Schläge unter die Gürtellinie gegen den "Parvenus Josef Fischer" und die "Großbürgerin Antje Vollmer" mit Nachsicht streifen. Von wirklicher Bedeutung sind ihre Feststellungen zum neu erwachenden Rassismus, dem offenkundig unbewußt auch eine überraschende Anzahl von durchaus profilierten Linken nicht länger widerstehen kann. Auch hier nennt sie Namen: Hans-Magnus Enzensberger, aber auch Daniel Cohn-Bendit mit seinen "Roma-Sinti-Betrachtungen" oder, womöglich noch unsäglicher, Christoph Türcke mit seinen auf einem "linken Kongress" beklatschten Überlegungen zu "doch nicht zu leugnenden"Rassenmerkmalen. Dieses schleichende Unbewußtsein zeitigt bereits Folgen, sei es in der Arbeitswelt bishin zu den "Visionen" in der Gen-Technik. Wie sehr, belegt Ditfurth u.a. mit nachfolgendem Zitat: "Wir könnten uns daher gezwungen sehen, darauf zu bestehen, daß alte Menschen getötet werden, damit ihr Organe an jüngere, kritisch kranke Personen umverteilt werden können, die ohne diese Organe bald sterben müßten. Schließlich benutzen die alten Menschen lebenswichtige Ressourcen auf Kosten von bedürftigen jüngeren Menschen." So zitiert nach dem Bioethiker der Uni Kopenhagen Klemens Kappel und Peter Sendoe, Vorsitzender der dänischen Tierethik-Komission.
Bleibt zu hoffen, daß Jutta Ditfurth möglichst bald ihrer Verantwortung und ihrem Vermögen als Autorin nachkommt und anstelle eines formal leicht abzuschüttelnden Pamphletes ihren Erkenntnissen den Rahmen und den Rang eines Sachbuches gibt.

Weitere Besprechungen zu Werken von Jutta Ditfurth siehe:
Jutta Ditfurth: Blavatzkys Kinder (1995)
Jutta Ditfurth: Was ich denke (1995)

Weitere Besprechungen zu Werken von Horst Herrmann siehe:
Horst Herrmann: Kirchenfürsten (1992)
Horst Herrmann: Hrsg. der Reihe "Was ich denke" (1995)

Buechernachlese © Ulrich Karger


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