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Richard Chaim Schneider

Zwischenwelten

Ein jüdisches Leben im heutigen Deutschland
Kindler, München 1994, 318 S., ISBN: 3-463-40204-1, >>> Amazon

Ein jüdisches Leben in Deutschland - für den in München geborenen Richard Chaim Schneider, Jahrgang '57, war und ist das ein Leben in ZWISCHENWELTEN.
"Man redete über Mode, über Freunde, über die Kinder - das Gespräch endete immer wieder im KZ. Wir Kinder waren dort, ohne dort gewesen zu sein." Als es im Gymnasium galt, ein Referat über die Konzentrationslagerwelt vorzubereiten, meinte dann auch sein Lehrer in beklagenswert dummer Unschuld: "Da Sie Jude sind, Schneider, wissen Sie ja besser als die anderen Schüler, wie es dort gewesen ist."
Trotz vieler solch ausgesprochenen Unsäglichkeiten war der Autor auf dem "besten" Wege, sich mehr und mehr zu integrieren, d.h. wie die meisten seines Alters, kümmerte er sich nicht großartig um religiöse Herkünfte und Traditionen und war weit mehr seinen künstlerischen Ambitionen verpflichtet als dem Umstand, Kind eines Shoa-Überlebenden zu sein. Daß er dann aber kurzfristig ins andere Extrem wechselte, hatte seinen Auslöser in dem 1985 aufgeführten Fassbinderstück DER MÜLL, DIE STADT UND DER TOD, das nicht nur dessen subtilen Antisemitismus entlarvte. Zu jener Zeit selbst als Dramaturg tätig, meinte Schneider erst noch, die Freiheit der Kunst so hoch einschätzen zu müssen, daß in einer Demokratie kein Theaterstück verboten werden sollte - auch das von Fassbinder nicht. Dann aber wurde ihm bewußt, daß das, was Kohl 1982 als "geistig-moralische Wende" in der Verbindung mit dem Wunsch nach "Normalität" sprich "bewältigter Vergangenheit" eingeläutet hatte, auch in seinem durchaus links-liberalen Freundeskreis Wirkung zeigte. Es beginnt für Schneider die Suche nach dem "richtigen" Standpunkt, der ihm auch die Entscheidung über seinen "richtigen" ferneren Aufenthaltsort erleichtern sollte. Aber auch Israel mit seinem sehr komplexen, keineswegs einheitlich ausgelegten und -gelebten Judentum kann er nicht so ohne weiteres zu seiner neuen "Heimat" erklären.
Schneiders Betrachtungen sind in ihrer aufklärerischen Bedeutung mit Giordanos ISRAEL, UM HIMMELS WILLEN ISRAEL (übrigens nun auch als preiswertes Taschenbuch bei Goldmann vorliegend) zu vergleichen. Gerade uns nichtjüdischen Nachkriegsgeborenen wird es oft provozieren - und noch öfter die Schamesröte ins Gesicht treiben. Offenkundig hat das Wort Kohls von der "Gnade der späten Geburt" trotz aller links-intellektuellen Proteste auch deren emotionales Gleichgewicht sehr zu entlasten vermocht. Unbeschwert jedweden tieferen Durchdringens meinten wir, schon "irgendwie" die Fehler unserer Eltern nicht mehr zu wiederholen. Aber so billig ist der Frieden mit sich und der Welt nicht zu haben! Unwissende Unschuld schützt vor Strafe nicht! Ohne Interesse bzw. Anteilnahme am Leben des anderen geht es genausowenig wie ohne das Interesse an der eigenen Herkunft. Für Schneider impliziert dies nun u.a. auch eine intensive(re) Auseinandersetzung mit dem Judentum als gelebte Religion, die er in ihren heutigen Ausprägungen von ultra-orthodox bis säkularisiert liberal sehr anschaulich vorzustellen weiß.
Das nachzulesen und darüber nachzudenken ist spannend und s.o. auch bisweilen schmerzhaft. Nicht zuletzt deshalb ist es ein gelungener Ausgangspunkt für weitere Fragen - an den anderen, an mich selbst ...

Weitere Besprechungen zu Werken von Richard Chaim Schneider siehe:
Richard Chaim Schneider: Zwischenwelten (1994)
Richard Chaim Schneider: Fetisch Holocaust (1997)
Richard Chaim Schneider: Israel am Wendepunkt (1998)

Buechernachlese © Ulrich Karger


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