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Gabriele Beyerlein

Aja oder Alles ganz anders

Roman. Edition Gegenwind, (BoD) Norderstedt 2020. 157 Seiten. 7,50 Euro. Ab 11 Jahren. ISBN: 978-3-7504-0995-8, >>> Amazon

Nicht genug, dass Aja die Trennung ihrer Eltern hinnehmen musste, zwingt ihre Mutter sie jetzt auch noch in eine andere Stadt umzuziehen. Die vertraute Schule, die gerade erst gelungene Aufnahme in die WhatsApp-Gruppe ihrer Klasse, ihre beste Freundin Ronja - alles muss Aja zurücklassen, weil ihre Mutter jetzt auf voller Stelle arbeiten und auch noch in dem Haus ihrer uralten Tante Hildegard wohnen will - und die soll dann auch noch auf Aja aufpassen, wenn die Mutter nicht zu Hause ist.
Aber es kommt alles ganz anders als von Aja befürchtet. Sie freundet sich mit Djamila und Milene an, und dann ist da noch jemand anders. Ein neues Instrument zu lernen, war vorher eigentlich nicht ihr Plan, aber Aja will diesem Jemand im Schulorchester wiederbegegnen. Am Überraschendsten aber ist für Aja, dass sie ihre Großtante schätzen lernt. Vieles, was sie aus vergangenen Zeiten erzählt, findet einen ganz aktuellen Widerhall - u.a. in der Geschichte von Djamila und auch in Ajas eigener
Gabriele Beyerlein, mehrfach preisgekrönte Autorin von Jugendbüchern mit historischem Hintergrund, legt mit "Aja oder Alles ganz anders" nach mehreren Jahren Pause ein neues Kinderbuch vor. Mit sehr viel Verständnis für die Denkweise einer frischgebackenen Sechstklässlerin schildert die Autorin Ajas selbstbewusst wirkendes, so bockiges wie lautstarkes Gezeter als dünnen Firnis über darunter liegende Verlustängste. Auch wenn Aja schließlich die Notwendigkeit für das Geldverdienen ihrer Mutter einsieht, ist da auch noch ihr Vater, der mit seiner neuen Frau ein Kind erwartet. Wegen seines neuen Hauses im Grünen zieht er nun ebenfalls aus dem vertrauten Geburtsort Ajas weg und hat kaum noch Zeit für Aja. Jeder Anknüpfungspunkt zu ihrem früheren Leben scheint sich in Luft aufzulösen.
Hierzu zieht Beyerlein sehr geschickt zwei weitere Ebenen ein, von der man auf den ersten Blick meinen könnte, sie überfordern 11- oder 12-jährige noch. Doch das Zusammentreffen mit Kindern, die wie Djamila mit ihren Eltern aus Syrien fliehen mussten, sind auch für diese Altersgruppe längst alltäglich. Ohne damit Ajas Nöte als vernachlässigbar zu relativieren, gelingt es der Autorin, einen altersgemäßen Bezug herzustellen - weil Aja selbst eigene Verluste kennengelernt hat, kann sie die Verluste der ihr anfangs sehr fremd erscheinenden Djamila zumindest bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen. Die zweite, nämlich historische Ebene wird Aja durch ihre Großtante Hildegard nahegebracht - sie hatte am Ende des Zweiten Weltkriegs erst ihren Vater und dann ihre Heimat unwiederbringlich verloren. Ihre mit jeweiligem Ort und Datum überschriebenen Erlebnisse aus Hildegards damaliger Kindersicht bilden im Wechsel zu Ajas aktueller Situation einen eigenen, sehr spannungsreichen Erzählstrang. Dank Beyerleins wunderbar eingängiger Erzählweise erzeugt er einen Ajas Geschichte erweiternden Echoraum, der dem in der angedachten Zielgruppe beginnenden Verständnis für Historisches angemessen Rechnung trägt und nicht überfrachtet. Denn auch wie Aja diese Geschehnisse aufnimmt, macht sie zu einer überzeugenden Identifikationsfigur. Ajas Sorgen werden viele Kinder nachvollziehen können, um sich dann mit ihr gemeinsam auch auf Anderes und damit Neues einzulassen.
Ein echtes Mutmachbuch also, dass so anregend wie unterhaltsam ist - und auch dazu verhelfen kann, über den Tellerrand der aktuellen Beschränkungen durch den Coronavirus zu schauen.

Weitere Besprechungen zu Werken von Gabriele Beyerlein siehe:
Gabriele Beyerlein: Wie ein Falke im Wind (1993)
Gabriele Beyerlein: In Berlin vielleicht (Berlin-Trilogie 1/3; 2005)
Gabriele Beyerlein: Berlin, Bülowstr. 80a (Berlin-Trilogie 2/3; 2007)
Gabriele Beyerlein: Es war in Berlin (Berlin-Trilogie 3/3; 2009)
Gabriele Beyerlein: In die Steinzeit und zurück (Lektüre + Materialienheft; 2012)
Gabriele Beyerlein: Ins Mittelalter und zurück (Lektüre + Materialienheft; 2014)
Gabriele Beyerlein: Aja oder Alles ganz anders (2020)

Buechernachlese © Ulrich Karger


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