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Jenny Diski

Mutterkind

Roman. Klett-Cotta, Stuttgart 1992, 210 S., ISBN: 3-608-95746-4, >>> Amazon

Der dritte Roman von Jenny Diski treibt die mögliche Reduktion zwischenmenschlicher Beziehungen auf die Spitze. War KÜSSE UND SCHLÄGE wegen seiner Sado-Maso-Thematik zwar spektakulär, aber noch vergleichsweise konventionell erzählt, lag in REGENWALD das Hauptgewicht bereits neben der politischen Brisanz auf der Vereinsamung einer zwiegespaltenen Persönlichkeit. MUTTERKIND ist nun die Geschichte eines Kindes, einem Mädchen ohne Großhirn, das lediglich zu vegetieren vermag, d.h. das atmen, Nahrung aufnehmen und ausscheiden kann, aber weder über ein Schmerzempfinden noch über Sinneseindrücke verfügt. Der in Zwischentexten plazierte Erzählrahmen von Nony, dem "Kosenamen" für "Nonentität", ist deshalb fast so skurril wie in Beckets "Warten auf Godot":

- Es ist die Geschichte meiner Mutter. Aber sie braucht sie nicht mehr. Ich borge sie nur, um die Zeit zu vertreiben. Ich glaube, ich mag dich nicht.
- Das ist unwichtig. Ich bin alles Publikum, was du hast. Du hast eine imaginäre Sprache erfunden, um die Geschichte zu erzählen. Was schert es dich, wer zuhört?
- Du hast recht. Ich mache weiter, aber sei bitte still, sonst entscheide ich mich fürs Vergessen.
- Gutes Kind.

Frances, von der Nony nun erzählt, war, wie in vielen anderen Familien auch, durchaus alltäglichen, nichtsdestotrotz schwerwiegenden Verletzungen ausgesetzt. In Nony sieht Frances schließlich ihre eigene innere Leere gespiegelt. Mutter und Kind, gefühlskalt und von unschuldiger Amoralität, werden dabei zu Bildern unserer Gesellschaft. Wohin das führen mag, muß jede/r selbst entscheiden. Jenny Diski setzte lediglich ihre präzisen psychologischen Beobachtungen in beklemmend authentische(und von Anette Charpentier vorzüglich übersetzte) Dialoge und Erzählstränge um, und es gelang ihr so einmal mehr, in stimmiger und fesselnder Sprache ein Tabuthema zu einem Leseerlebnis werden zu lassen. Diese Autorin gehört zu den "Großen" ihres Landes.

Weitere Besprechungen zu Werken von Jenny Diski siehe:
Jenny Diski: Küsse und Schläge (1989)
Jenny Diski: Regenwald (1990)
Jenny Diski: Mutterkind (1992)
Jenny Diski: Esthers Traum (1994)

Buechernachlese © Ulrich Karger


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