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Jenny Diski

Esthers Traum

Roman. Klett-Cotta, Stuttgart 1994, 279 S., ISBN: 3-608-95792-8, >>> Amazon

Esther ist alleinerziehende Mutter von Katya. Noch bis vor kurzem hatte sie geglaubt, mit aufgeklärter antiautoritärer Pädagogik ihrer Tochter alles Lebensnotwendige mit auf den Weg gegeben zu haben. Doch die 14-jährige Katya wird in dieser Gesellschaft noch lange nicht auf eigenen Füßen stehen können. Katya hatte die Vorstellung entwickelt, von Gott angerührt worden zu sein. Um dieses Erlebnis gleichsam zu konservieren, unterwirft sich die Jugendliche einem strengen, selbstauferlegten Fasten und spricht mit ihrer Mutter kein Wort mehr. Schließlich wird Katya in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, nur um wenig später daraus zu entfliehen. Neben der Sorge um ihr Kind, beginnt Esther mit ihrer eigenen Identität in Konflikt zu geraten. Zu lange hatte sie ihre Biographie als Adoptivkind verdrängt. Der immerwiederkehrende Traum Esthers, den sie lange Zeit nicht ins Morgen mithinübernehmen kann, spiegelt ihre Weltflucht anhand eines alter egos, das 600 Jahre zuvor als Ketzerin gefoltert wurde, weil sie zum falschen Zeitpunkt die richtigen Fragen gestellt hatte. Ist Katya nun, deren Symptome von allen, auch von ihr, als religiöse Wahnvorstellung eingeordnet wurden, in einer ähnlichen Situation wie die Ketzerin?
Jenny Diski, eine Meisterin in der Darstellung menschlicher Obsessionen, erörtert in ESTHERS TRAUM, warum der menschliche Geist trotz Androhung schrecklichster Strafen, seine Fragen nicht aufgibt. Dazu spielt sie auch mit Irritationen, wenn z.B. die "Ketzerin" vergewaltigt und diese Vergewaltigung auch noch gegen das Opfer als weiterer "Beweis" ihrer Ketzerei mißbraucht wird, Esther aber in der Realität ihren Therapeuten mit pseudoemanzipierten Argumenten in Schutz nimmt, obwohl der ihre Hilfbedürftigkeit ausnutzt und sie gegen ihren Willen "beschläft". Die Autorin gibt jedoch keine weisen Antworten, sondern bleibt in der Rolle der Chronistin von den Traumwelten ihrer Protagonistinnen und ihren jeweiligen Realitäten. Die Ausgestaltung des Fiktiven, des nicht wirklich Greifbaren dient ihr als Beschreibungsmodell unserer Wirklichkeit, in der so viel Unverständliches und Grausames scheinbar ganz selbstverständlich nebeneinander existiert. Wer dieses Buch liest, gerät in einen Sog, der sie/ihn erst auf der letzten Seite wieder loslassen wird.

Weitere Besprechungen zu Werken von Jenny Diski siehe:
Jenny Diski: Küsse und Schläge (1989)
Jenny Diski: Regenwald (1990)
Jenny Diski: Mutterkind (1992)
Jenny Diski: Esthers Traum (1994)

Buechernachlese © Ulrich Karger


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