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Büchernachlese-Bestenliste 2025

Gabriele Beyerlein

Seelenfäden

Roman. Wenz Verlag, Dreieich 2025. 334 Seiten. 14,95 Euro. ISBN: 978-3-937791-70-8, >>> Amazon
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„Wenn du wissen willst, warum ich tat, was ich getan habe, so muss ich lange vor deiner Geburt beginnen. Ich muss dir von meiner Kindheit erzählen. Doch selbst da gab es ein Davor …“
So beginnt Marlene einen Brief an ihre Tochter Anna, um das, was sich selbst in der noch kurzen Lebensspanne von Anna an Ungesagtem aufgestapelt hat, endlich anzusprechen und damit eine jahrzehntelang währende Verkettung tragischer Ereignisse und Erfahrungen einer Familie aufzulösen …
Gabriele Beyerlein, preisgekrönte Autorin zahlreicher Kinder- und Jugendbücher, legt mit „Seelenfäden“ einen Roman für Erwachsene vor, der wie viele andere ihrer Titel neben aktuellen Themen nicht zuletzt auch historische Bezüge aus weiblicher Perspektive aufgreift. In einer Reihung, die bislang vom 3. Jahrtausend v. Chr. bis zu ihrer Berlin-Trilogie an den Beginn des 20. Jahrhunderts heranreicht, bildet der neue Roman nun einen fulminanten Abschluss mit einer Familiengeschichte, deren erstes Kapitel im Jahr 1938 einsetzt und mit dem letzten 1996 samt dem Brief an Anna endet.
Wie immer hervorragend, weil fundiert recherchiert, stellt Beyerlein ihre Handlungsträger konsequent in deren jeweils eigenen Weltsichten vor. Das bedeutet auch, diese Figuren vor undifferenzierter Kritik zu schützen und sie nicht zu verraten, wenn sie gegen eigene Wertvorstellungen verstoßen.
Gegliedert in drei Teile, nehmen die beiden ersten davon etwa ein Drittel ein und stellen im ersten Emma, im zweiten Teil Heinrich ins Zentrum.
Emma ist 1938 noch eine sehr junge Frau, die einer bäuerlichen Familie entstammt und sich als Köchin in Breslau von einer vornehmen Bürgerfamilie bereits sehr wertgeschätzt weiß. Doch selbst diese Anerkennung tritt noch hinter dem Wunsch zurück, den „Führer“ beim Umzug der Landsmannschaften in der Stadt aus nächster Nähe sehen zu können – was ihr auch gelingt. Ebenso das Kennen- und Liebenlernen von Franz, den sie jedoch trotz ihrer Schwangerschaft 1940 nur aus der Ferne mittels einer sogenannten „Stahlhelmtrauung“ zum Ehemann nehmen kann. Die Jahre bis zum Kriegsende werden für sie und die Kinder zu einer fürchterlichen Zeit voll kaum fassbarer Tragödien, die sie nur widerwillig auch als Folge ihrer seinerzeit naiven Verehrung Hitlers anerkennen kann. Immerhin nimmt ihr Schicksal nach dem Krieg eine günstigere Wendung, nicht zuletzt auch weil sie mit ihren Kindern von dem Pfarrer Heinrich und dessen liebenswerter Tante aufgenommen wird. Auch Heinrich hat in der Zeit von 1940 bis 1945 Schreckliches erlebt – als Opfer, aber eben auch als Täter, was ihm in den folgenden Friedensjahren bis zu seinem Lebensende keine Ruhe lassen wird. Und Marlene, als jüngstes Kind von Emma, ist diejenige, die zum missbrauchten Spiegel der Schrecknisse von Emma und Heinrich wird – und das jahrelang verdrängt, auch mit schwerwiegenden Folgen für ihr Kind Anna …
Dieser Roman ist in vielerlei Hinsicht eine lohnenswerte Zumutung! Wobei die Schrecken der NS- und Kriegszeiten durchaus mit dem konkurrieren können, was Marlene in ihrer Kindheit zu ertragen hatte. Aber dem stehen auch wieder Erfahrungen mit sie unterstützenden Zeugen gegenüber, die Lichtpunkte setzen. Doch die allergrößte Zumutung könnte für manche gerade auch das versöhnliche Ende sein, das mit bedenkenswerten Argumenten meist als unüberwindlich geltende Grenzen überschreitet …
Jede Figur in den Dialogen mit sehr eigenem, gut kenntlichem Zungenschlag ausgezeichnet, werden einem ihre jeweiligen Perspektiven und Ansichten geradezu bildhaft vor Augen geführt. Gabriele Beyerlein versteht es zudem, sehr eingängig die angesprochenen Zeitabschnitte in aller Präzision vorzustellen. Die Leser und Leserinnen werden da gern in die Dramatik und Hintergründe der Geschehnisse eintauchen, wird doch die Neugier auf das Nachfolgende bis zuletzt wachgehalten.
Das ermöglicht eine im besten Sinn ambivalente, weil Horizont erweiternde Leseerfahrung, die preisverdächtig ist und deshalb auch mit einem Eintrag in der Büchernachlese-Bestenliste gewürdigt wird.

Weitere Besprechungen zu Werken von Gabriele Beyerlein siehe:
Gabriele Beyerlein: Wie ein Falke im Wind (1993)
Gabriele Beyerlein: In Berlin vielleicht (Berlin-Trilogie 1/3; 2005)
Gabriele Beyerlein: Berlin, Bülowstr. 80a (Berlin-Trilogie 2/3; 2007)
Gabriele Beyerlein: Es war in Berlin (Berlin-Trilogie 3/3; 2009)
Gabriele Beyerlein: In die Steinzeit und zurück (Lektüre + Materialienheft; 2012)
Gabriele Beyerlein: Ins Mittelalter und zurück (Lektüre + Materialienheft; 2014)
Gabriele Beyerlein: Aja oder Alles ganz anders (2020)
Gabriele Beyerlein: Seelenfäden (2025)

Buechernachlese © Ulrich Karger


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