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Jan Costin Wagner

Sakari lernt, durch Wände zu gehen

Ein Kimmo-Joentaa-Roman. Verlag Galiani Berlin, Köln 2017. 235 Seiten. Euro. ISBN: 978-3-86971-018-1, >>> Amazon

In der finnischen Stadt Turku steigt der 20-jährige Sakari nackt in den Brunnen auf dem Marktplatz. Umschlossen von den Regenbögen der Wasserfontänen, beginnt er sich selber mit einem großen Messer zu verletzen. Einer der herbeigeeilten Polizisten ist Petri Grönholm. Er wird sich später hilfesuchend an seinen Kollegen Kimmo Joentaa wenden, weil er nicht wirklich versteht, warum er den jungen Mann erschossen hat, wiewohl alle Zeugen dabei von einem Akt der Notwehr ausgehen. Kimmo lässt sich nicht zwei Mal bitten. Seine Art des Nachfragens stößt auf eine Tragödie, die schon vor dem Ereignis am Brunnen das Leben zweier Familien erschüttert hat - nicht zuletzt auch Sakari.
Jan Costin Wagner knüpft mit "Sakari lernt, durch Wände zu gehen" an "Tage des letzten Schnees" (2014) an, allerdings mit einem Zeitsprung von mehreren Jahren. Denn inzwischen ist das ihm seinerzeit überraschend überlassene Kind fast schon zehn Jahre alt und trägt den Namen seiner früh verstorbenen Frau Sanna. Die Zuordnung "literarischer Kriminalroman" unterläuft bereits die Erwartung an einen Krimi in üblichem Whodunnit-Format, der Untertitel "Ein Kimmo-Joentaa-Roman" steht bei Kennern und Liebhabern dieser Romane für besondere Innenansichten. Nichtsdestotrotz werden in dem Roman gleich mehrere Kriminalfälle aufgelöst - aber eben nach Manier eines Kimmo Joentaa und mit dem literarischen Mittel gekonnt entfalteter Psychogramme. Wagners Sprachregelung wurde im Laufe seiner Romane immer dichter, und nicht von ungefähr war seine letzte Buchveröffentlichung "Sonnenspiegelung" (2015) eine Kurzgeschichtensammlung.
In diesem Buch nun ist jedes Kapitel mit dem Namen eines von mehreren Protagonisten überschrieben und die Handlung wird aus deren jeweiliger Innensicht in unwiderstehlichem Rhythmus vorangetrieben. Gleich zu Anfang sehr poetisch, was abschrecken könnte, wenn sich nicht bald herausstellte, dass Sakaris Sicht drogen- und krankheitsbedingt ist. Kimmo Joentaa hingegen denkt und agiert wie ein liebender und liebenswürdiger Vater, der sich von seiner taffen Sanna, genannt "Meisterin", inspirieren lässt - was aber keineswegs ins Bullerbü, sondern für die anderen Kollegen, entsprechend lakonisch kommentiert, zu skurrilen Gedankensprüngen führt, die stets ins Schwarze treffen und am Ende nicht nur eine Auflösung, sondern auch eine Lösung für die Hinterbliebenen finden. Und diesem Ende fiebert man entgegen, denn so im Wortsinn eigenartig und literarisch dieser Roman ist, so sehr zieht er einen doch spätestens nach dem zweiten Kapitel in seinen Bann.
Die Handlung ist in sich abgeschlossen, aber wegen Kimmos Entwicklungsgeschichte und der Sprachentwicklung des Autors empfiehlt sich vorweg die Lektüre der anderen Kimmo-Joentaa-Romane. Dann allerdings gilt: Wer mehr als einen Krimi will, wird auch hier gewiss wieder auf seine Kosten kommen!

Weitere Besprechungen zu Werken von Jan Costin Wagner siehe:
Jan Costin Wagner: Eismond (2003)
Jan Costin Wagner: Das Schweigen (2007)
Jan Costin Wagner: Im Winter des Löwen (2009)
Jan Costin Wagner: Das Licht in einem dunklen Haus (2011)
Jan Costin Wagner: Tage des letzten Schnees (2014)
Jan Costin Wagner: Sonnenspiegelung (2015)
Jan Costin Wagner: Sakari lernt, durch Wände zu gehen (2017)

Buechernachlese © Ulrich Karger


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