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Tad Williams

Otherland Bd. 1 - 4

OTHERLAND Bd.1 - Stadt der goldenen Schatten. Roman. Aus dem Amerikanischen von Hans-Ulrich Möhring. Klett-Cotta Verlag. Stuttgart 1998. 921 Seiten. 49,90 DM. ISBN: 3-608-93421-9, >>> Amazon
OTHERLAND Bd.2 - Fluß aus blauem Feuer. Aus dem Amerikanischen von Hans-Ulrich Möhring. Roman. Klett-Cotta Verlag. Stuttgart 1999. 782 Seiten. 49,90 DM. ISBN: 3-608-93422-7, >>> Amazon
OTHERLAND Bd.3 - Berg aus schwarzem Glas. Roman. Aus dem Amerikanischen von Hans-Ulrich Möhring. Klett-CottaVerlag. Stuttgart 2000. 825 Seiten. 49,90 DM. ISBN: 3-608-93423-5, >>> Amazon
OTHERLAND Bd.4 - Meer des silbernen Lichts. Roman. Aus dem Amerikanischen von Hans-Ulrich Möhring. Klett-CottaVerlag. Stuttgart 2002. 1070 Seiten. 25,50 Eur. ISBN: 3-608-93424-3, >>> Amazon

In einer gar nicht so weit entfernten Zukunft ist Renie Sulawayo Dozentin an der Technischen Hochschule in Durban und bringt ihren Studenten den kreativen Umgang mit der Virtuellen Realität näher. Die längst üblichen Neuronalverbindungen mit dem 'Netz' vermitteln Sinneseindrücke wie im wirklichen Leben. Sogar virtuelles Essen und Trinken sind möglich.
Kinder, wie Renies dreizehnjähriger Bruder Stephen, schätzen insbesondere die abenteuerlichen Rollenspiele im Netz. Übertroffen wird diese Lust am Spiel höchstens noch von der Möglichkeit, sich in fremde Systeme hinein zu 'hacken'. Von einem dieser Ausflüge kommt Stephen allerdings nicht mehr zurück. Er liegt seitdem im Koma. Bei ihren Nachforschungen findet Renie zusammen mit dem schamanisch begabten Studenten !Xabbu heraus, dass Stephen nicht das einzige Opfer dieser "Krankheit" ist. Kurz darauf werden sie und ihr Vater beinah Opfer eines Bombenanschlags ...
So die Ausgangslage in "Stadt der goldenen Schatten", dem ersten Band der vierteiligen Cyberspace-Saga "Otherland", die nun mit "Meer des silbernen Lichts" ihren krönenden Abschluß gefunden hat.
Während Renie und !Xabbu weitere Verbündete kennenlernen, die zu ihren Gefährten werden, lichtet sich nach und nach das Geheimnis um Otherland. Es erweist sich als eine dank aufwendigster Technik hochkomplexe Ansammlung von erstaunlich real wirkenden Netzwelten, das sich ein Bündnis von Konzernmagnaten eingerichtet hat. Diese Multimilliardäre sind hier Herrscher über Leben und Tod und zielen damit auf nicht weniger als die eigene Unsterblichkeit. Koste es, was es wolle. Doch dann tritt auch noch ein höchstgradig soziopathischer Killer auf den Plan, der die Grausamkeit der Otherland-Begründer noch zu übertreffen weiß und sie selbst bedroht.
Dem Ende dieser vielfach verzweigten Geschichte entgegenzufiebern, schloss nach insgesamt 3598 Seiten wie nur selten wehmütiges Bedauern ein.
Tad Williams hat, so paradox das für die Science-Fiction klingen mag, mit diesem erstaunlichen Werk Neuland betreten und womöglich sogar eine eigene Subgattung begründet. Dazu bediente er sich wie in der postmodernen Architektur gleich mehrerer Stilmittel und Vorbilder. Was die Grundlage seiner Welt angeht, das 'Netz' bishin zum Begriff 'Cyberspace', stand wohl eindeutig William Gibson Pate, für den soliden Aufbau der Geschichte aber liegen die Wurzeln am entgegengesetzten Ende des Science-Fiction-Spektrums bei J.R.R. Tolkien.
Der geniale, weil eigentlich naheliegende Kunstgriff: Williams nutzt die von Drehbüchern entlehnte Schnitt-Technik, um in fesselnder Manier scheinbar völlig unabhängig voneinander existierende Erzählfäden aufzurollen und deren zahlreiche Protagonisten zuletzt doch noch auf eine Ebene, nämlich die Netzebene zu bringen. Dabei gelingt es ihm derart überzeugend, die "Wirklichkeiten" zu verwischen und für überraschende Wendungen zu sorgen, dass man auch als Internet-Laie die "Verrückbarkeit" virtueller Dimensionen nachvollzieht. So hebt Williams virtuelle Realität zwar viele Begrenzungen auf, dennoch achtete er sorgfältig bis zuletzt auf innere Plausibilität, wenn er z.B. ab dem zweiten Band Mythen wie die Ilias und die Odyssee von Homer brillant gegen den Strich bürstet und zur Vorlage einer der Otherland-Netzwelten macht. Renie und all die anderen Helden seiner Saga werden in bester traditioneller Erzählweise komplett, also auch in ihren Brüchen vorgestellt und laden so zur Identifikation ein. Ein horizonterweiternder Vorzug der weltumspannenden Netzebene ist zudem, dass die Haupthandlungsträger international sind: Sie stammen u.a. aus Australien, Deutschland, Frankreich, Südafrika und den USA. Für die kongeniale Übertragung all dessen ins Deutsche gilt es Hans-Ulrich Möhring höchste Anerkennung zu zollen.
Dieses zukunftsweisende Epos, jedes Kapitel eingeleitet durch "NETFEED/Nachrichten" aus aller Welt, inszeniert die Hybris des Machbaren, die vermeintliche Kontrolle über von vornherein unkontrollierbare Kräfte, über Sein und Schein - Shakespeare hätte gewiss seine helle Freude an Otherland gehabt ...

Weitere Besprechungen zu Werken von Tad Williams siehe:
Bobby Dollar:
Tad Williams: Die dunklen Gassen des Himmels Bd.1 (2013)
Kurzhinweis: Tad Williams: Happy Hour in der Hölle Bd.2 (2014)
Kurzhinweis: Tad Williams: Spät dran am Jüngsten Tag Bd.3 (2015)
Osten Ard 1:
Tad Williams: Das Geheimnis der großen Schwerter Bd.1-4 (2010-2011)
Tad Williams: Das Herz der verlorenen Dinge (2017)
Osten Ard 2:
Tad Williams: Die Hexenholzkrone 1+2 (2017)
Otherland:
Tad Williams: Stadt der goldenen Schatten Bd.1 (1998)
Tad Williams: Otherland Bd.1-4 (1998-2002)
Shadow March:
Tad Williams: Die Grenze Bd.1 (2005)
Tad Williams: Das Spiel Bd.2 (2007)
Tad Williams: Das Dämmerung Bd.3 (2010)
Tad Williams: Das Herz Bd.4 (2011)
Tinkerfarm:
Tad Williams & Deborah Beal: Die Drachen der Tinkerfarm Bd.1 (2009)

Buechernachlese © Ulrich Karger


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