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Büchernachlese | Kurzhinweise 2019


Neben den nachfolgenden des aktuellen Erscheinungsjahrs können auch noch siehe Links oben insgesamt 445 Kurzhinweise zu den Jahren 2003 bis 2018 abgerufen werden:

Sortiert nach Genre und dem Alphabet der Autorennamen führen die verlinkten Genrebezeichnungen zum jeweils ersten Kurzhinweis.

  • Belletristik: Kate Atkinson, Hilaire Belloc, Katarzyna Bonda
  • Krimis / Thriller: Nina Laurin, Bernard Minier, Jean-François Parot, Vitu Falconi alias Thomas Thiemeyer, Ursula Poznanski, Iain Reid, Vanessa Savage
  • SF / Fantasy / Mystery: Julia Lange, Dan Simmons
  • Sachbuch:
  • Kinder- & Jugendliteratur:


  • Belletristik

    1940 wird die 18-jährige Julia Armstrong eher unfreiwillig zur Spionin. Ihr Auftrag ist es, Gesprächsprotokolle von einer regelmäßig sich treffenden Nazi-Sympathisanten-Gruppe zu erstellen, in die ein Agent des MI5 eingeschleust worden war. Was die Hitler-affinen Briten und nicht zuletzt Britinnen in dieser Gruppe von sich geben, ist zwar von einer furchteinflößenden Verbohrtheit, aber vor allem langweilig. Anfang der 1950er - Julia ist inzwischen Redakteurin beim BBC-Schulfunk - hatte sie gehofft, dieses Spionage-Intermezzo wäre mit Kriegsende endgültig für sie abgeschlossen. Doch das stellt sich als Irrtum heraus …
    Kate Atkinson (siehe auch Besprechung zu Liebesdienste von 2007) hat mit Deckname Flamingo einen äußerst unterhaltsamen Roman vorgelegt, der zugleich durchaus ernstzunehmende Aspekte und Folgen des (britischen) Spionagewesens vor Augen führt, ohne deshalb im klassischen Sinn ein Spionageroman zu sein. Bestechend an ihm aber ist vor allem, dass sein Kern bzw. der Plot mit meist in absurder Situationskomik eingebetteten Zitaten unterfüttert ist, die von der Autorin auch noch als nachweisliche Fakten im Anhang belegt werden können.
    Insofern also gar keine satirische Zuspitzung vonnöten, bekommt das Schicksal Julias, das durchgehend aus ihrer Perspektive mit sehr trockenem Humor geschildert wird, geradezu kafkaeske Züge, d.h. das Unheimliche, das Mächtigen zu allen Zeiten mit dem Instrument der Bürokratie zu entspringen vermag, erfährt sie am eigenen Leib als schlicht grotesk. Für die Leserschaft komisch, für die Heldin aber durchaus bedrohlich. Und diese Ambivalenz entfaltet die Autorin in sehr kleinen Dosen, bis sie sich am Ende zur Gänze offenbart.
    Schriftstellerinnenhandwerk vom Feinsten! U.K.
    (Kate Atkinson: Deckname Flamingo. Roman. Aus dem Englischen von Anette Grube. Droemer Verlag, München 2019. 331 Seiten. 19,99 Euro. ISBN: 978-3-426-28130-7)
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    Hilaire Belloc (1870-1953) war eine wegen seiner paradoxen Haltungen umstrittene Persönlichkeit: streng gläubiger Katholik und polemischer Liberaler, loyaler Monarchist und stolzer Europäer, Sozialkritiker und ein Reaktionär, der mit seiner antisemitischen Haltung Anstoß erregte - dabei war er zugleich gegen Hitler und gegen den britischen Kolonialismus. Und er verachtete die High Society, die er immer wieder persiflierte.
    Mit Klein-Kinder-Bewahr-Anstalt wurden von ihm "Fünfzehn erbauliche Geschichten zur Warnung vor den schlimmen Folgen jugendlichen Überschwangs" vorgelegt. Ausgewählt und nachgedichtet aus dem Englischen von Hans Magnus Enzensberger. Angekündigt für 2018 und so auch im Impressum vermerkt, sind sie im April 2019 bei L.S.D. erschienen, dem Imprint des Steidl Verlags mit dem im Februar 2019 verstorbenen Karl Lagerfeld als Programmchef. (Unter gleichem Titel und Untertitel sind sie allerdings auch schon 1998 im Sanssouci Verlag herausgegeben worden.)
    Bellocs makabre Verse gemahnen an solche Geschichten wie Max und Moritz von Wilhelm Busch oder Der Struwwelpeter von Heinrich Hoffmann und richten sich an wohlsituierte Kinder, die Belloc offenbar nur allzu gern für ihre Laster und Dummheiten aufs Fürchterlichste bestrafen ließ - zum Beispiel Jim, "der, weil er seinem Kindermädchen davonlief, von einem Löwen gefressen wurde" oder Matilda, "die verbrannte, weil sie immer log".
    Im Original entstammen sie Bellocs Cautionary Tales for Children von 1907 und den New Cautionary Tales von 1930. Vorgelesen zum Angst und Bange machen in zahllosen Kinderzimmern - wurden sie in England zum Klassiker.
    Dieses Büchlein in bewährter Steidl-Hardcover-Ausstattung ist gewiss ein lohnendes Mitbringsel für Bibliophile und Anhänger des britisch schwarzen Humors. U.K.
    (Hilaire Belloc: Klein-Kinder-Bewahr-Anstalt. Fünfzehn erbauliche Geschichten zur Warnung vor den schlimmen Folgen jugendlichen Überschwangs. Ausgewählt und nachgedichtet aus dem Englischen von Hans Magnus Enzensberger. L.S.D. im Steidl Verlag, Göttingen 2019. 64 Seiten. 15,00 Euro. ISBN: 978-3-95829-433-2)
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    Die Profilerin Sasza Zaluska ist zu einer Kleinstadt an der polnisch-weißrussischen Grenze gefahren, um dem geflohenen Vater ihres Kindes nachzuspüren, der für sie zu einer Bedrohung geworden ist. Doch bei ihren Nachforschungen in dem kleinen Hajnówka stößt sie in ein Wespennest aus vielen miteinander zusammenhängenden Verbrechen, die ihren Anfang gegen Ende des Zweiten Weltkrieges nahmen. Einen erstem losen Faden bildet das Verschwinden der 25-jährigen Iwona Bejnar, die aus armen Verhältnissen stammend, den wesentlich älteren Piotr Bondaruk heiratet, der zudem als Sägewerksbesitzer zu den reichsten Geschäftsleuten der Stadt gehört. Iwona verschwindet kurz nach der Hochzeitszeremonie und bleibt wie vom Erdboden verschluckt. Und vor ihr sind bereits andere Partnerinnen von Piotr Bondaruk verschwunden …
    Katarzyna Bonda hat mit Der Rat der Gerechten den zweiten Roman um die Profilerin Sasza Zaluska vorgelegt. Doch die Lektüre des ersten Romans Das Mädchen aus dem Norden ist nicht zwingend notwendig zum Verständnis des zweiten.
    Eine größere Hürde bildet in dem mit 700 Seiten und auf mehreren Zeitebenen episch breit angelegten Roman die Vielzahl der Namen, die zum Teil auch noch ohne Erläuterung durch deren Kurzformen ersetzt werden. Das siebenseitige Personenverzeichnis zu Anfang ist da zwar eine Hilfe, es für einen Roman nachschlagen zu müssen, bedarf da aber schon einer entsprechend großen Motivation. Und die ist spätestens nach 30, 40 Seiten gewährleistet, denn jedes Kapitel ist dicht wie eine Kurzgeschichte und treibt den Roman wie einen Kreisel immer weiter voran. Neben den Verbrechen, zum Teil wahrlich ungeheuerlichen, finden sich Einschübe voller Charme und Witz, die nicht zuletzt eine Eigenschaft der Menschen in der Grenzregion kennzeichnet, nämlich ihre Schweigsamkeit, wenn es um Geheimnisse geht. Historisch wird dies aufgeschlüsselt durch eine ehemalige Bauernschaft, die im Krieg zwischen den Soldaten und Partisanen unterschiedlicher Couleur aufgerieben, während des Kalten Krieges von den Parteikadern und ihren Sicherheitsorganen erpresst und nach der Wende vom Kapitalismus in die Zange genommen wurde - wobei hier die handelnden Personen nur jeweils unter anderen Vorzeichen meist die gleichen sind.
    Spannend wie ein Thriller würde eine Verengung auf dieses Genre diesem Roman nicht gerecht, denn er ist zugleich ein Zeitbild, das sehr anschaulich und plausibel die Variationen von Wirkungsmächten aufzeigt: zu denen gehören brutale, sich bei Bedarf verbündende Egoisten gleichermaßen wie willfährige Opportunisten, die einfach nur überleben wollen.
    Wer sich für die Geschichte Polens, insbesondere die in besagter Grenzregion interessiert, und zugleich in einer guten Übersetzung gleich mehrere spannende Geschichten in einem Roman zu schätzen weiß, kommt hier voll auf seine Kosten! U.K.
    (Katarzyna Bonda: Der Rat der Gerechten. Roman. Aus dem Polnischen von Saskia Herklotz und Andreas Volk. Heyne Verlag, München 2019. 704 Seiten. 17,00 Euro. ISBN: 978-3-453-27075-6)
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    Krimis / Thriller

    Die Zwillinge Andrea und Eli sind zwölf Jahre alt, als sie zu Vollwaisen werden. Ihre Eltern sind im eigenen Haus umgekommen, während es bis auf die Grundmauern abbrannte. Verurteilt dafür wurde der allseits beliebte Eli. Doch jetzt ist seine 12-jährige Haftzeit um und er ist wieder frei. Seither ereignen sich in Andreas Umgebung unerklärliche Zwischenfälle. Zuletzt hatte Andrea einen Unfall, der sie fast das Leben gekostet hätte. Sie meinte, einem Mann ausweichen zu müssen, der plötzlich mitten auf der Straße stand. Doch die Polizei findet von ihm keine Spur …
    Nach Escape - Wenn die Angst dich einholt legt Nina Laurin mit Böser als du denkst ihren zweiten Psychothriller vor.
    Doch wie schon beim ersten, ist das eher der Versuch einer Psychostudie als ein gelungener Thriller - Versuch deshalb, weil der Roman diesmal leider noch nicht einmal als Studie wirklich zu überzeugen vermag. Die erneut recht eingeschränkten Charaktere zu durchsichtig gezeichnet, lässt sich das mit etwas Thrill gewürzte Finale schon bald vorhersehen. Sorry, aber eine Weiterentwicklung sieht anders aus ... U.K.
    Nina Laurin: Böser als du denkst. Psychothriller. Aus dem kanadischen Englisch von Alice Jakubeit. Knaur Verlag, München 2019. 377 Seiten. 14,99 Euro. ISBN: 978-3-426-65411-8
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    Auf einer norwegischen Ölplattform muss Kommissar Martin Servaz die Hintergründe eines Mordopfers untersuchen. Dabei trifft er auf einen Verdächtigen, der alsbald wieder auf rätselhafte Weise verschwindet. In dessen Kabine entdeckt er zahlreiche Fotos von sich, die auf eine langjährige Überwachung seiner Person schließen lassen. Fotos, die nur einer dort hinterlegt haben kann: Julian Hirtmann, jener hochintelligente Serienmörder, den Servaz seit Jahren aufzuspüren sucht, nicht zuletzt weil mit ihm auch seine große Liebe Marianne verschwunden ist. Offenbar hat der Serienkiller beschlossen, ein neues Spiel mit Servaz zu spielen. Erst setzt er den Kommissar auf die Spur eines Jungen, der sein Sohn sein könnte - nur um ihn dann vor eine unmögliche Wahl zu stellen …
    Bernard Minier legt mit Nacht den vierten Thriller um Martin Servaz vor - der jedoch im Gegensatz zu den ersten beiden Vorgängerbänden sogar noch stärker als der dritte abfällt.
    "Spannung" wird durch äußerst brutale Verbrechen erzeugt, denen ein eher spontan, denn logisch vorgehender Martin Servaz hinterherhinkt. Einige "Wendungen", die nicht zuletzt Hirtmann vollzieht, sind zwar "überraschend", aber gleichen dem berühmten "deus ex machina" ohne wirklich inneren Bezug und Plausibilität. Und dazwischen sehr lange Längen samt nicht wenigen Redundanzen, die vermutlich über das Genre hinausgehende literarische Ambitionen anzeigen sollen: die überbordenden Landschaftsbeschreibungen und banalen Philosophieversatzstücke heben jedoch den Thriller in keiner Weise an.
    Wiewohl 100 Seiten kürzer als der dritte Band, offenbar ein sehr aufgeblähtes Scharnier, das mittlerweile auch wenig Hoffnung lässt, dass der fünfte, die Serie vermutlich abschließende Band ein fulminantes Ende finden könnte - denn das setzte einen Fehler des stets Fehler vermeidenden Hirtmann oder die Gabe zu weit mehr Konsequenz und Logik von Servaz voraus … U.K.
    (Bernard Minier: Nacht. Thriller. Aus dem Französischen von Alexandra Baisch. Droemer Verlag, München 2019. 539 Seiten. 14,99 Euro. ISBN: 978-3-426-28205-2)
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    Commissaire Nicolas Le Floch wird im Januar 1774 selbst des Mordes an seiner Geliebten Julie de Lastérieux verdächtigt, nachdem er kurz vor ihrer Ermordung wegen Julies Koketterien mit einem jungen Geck eifersüchtig ihre Abendgesellschaft verlassen hatte. Zum Glück weiß er gute Freunde an seiner Seite und nicht zuletzt auch König Ludwig XV., der Flochs vorgesetztem Polizeipräfekten darin zustimmt, dass dieser Mord Teil einer langgeplanten Intrige gegen den gealterten und gesundheitlich sehr angeschlagenen König selbst ist. So kann, nein muss Floch sich auch selbst in diversen Verkleidungen um die Ermittlungen kümmern - und als Köder für die Intriganten um sein Leben fürchten …
    Im Original bereits 2000 erschienen, liegt nun mit Commissaire le Floch und das Gift der Liebe der vierte Band der mehrteiligen Nicholas-Le-Floch-Reihe von Jean-François Parot in deutscher Sprache vor.
    Seit nunmehr 14 Jahren im Amt und vielen erfolgreichen Aufklärungen hat Commissaire Nicolas Le Floch inzwischen ein sehr gutes Renomee, sieht sich dafür aber auch mit immer höheren Erwartungen konfrontiert, denen er nur dank seines gewachsenen "Netzwerks" aus verlässlichen (und auch einflussreichen!) Begleitern entsprechen kann. Wie die Fälle davor birgt auch dieser dank seines im besten Sinne mehrbödigen Plots nicht wenige Überraschungen. Und einmal mehr lässt Parot die Leser mit allen Sinnen das Paris jener Zeit nachvollziehen - sei es in den Straßen, Gasthäusern (samt Kochrezepten), Bordellen, Theatern, Klöstern und nicht zuletzt die Intrigenspiele im und am königlichen Hof.
    Wie gehabt mit einem umfangreichen Anhang ausgestattet, bieten die Abenteuer des Commissaire Nicolas Le Floch einmal mehr ein echtes Lesevergnügen. U.K.
    (Jean-François Parot: Commissaire Le Floch und das Gift der Liebe. Ein historischer Paris-Krimi. Aus dem Französischen von Michael von Killisch-Horn. Blessing Verlag, München 2019. 541 Seiten. 17,00 Euro. ISBN: 978-3-89667-643-6)
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    Im Mittelmeer vor der Küste Korsikas wurden bereits in den 1980ern Goldmünzen gefunden, die auf ein gesunkenes Schiffswrack aus der römischen Kaiserzeit verweisen. Bereits die bisherigen Funde sind nicht nur von hohem materiellem Wert, sondern auch von großer historischer Bedeutung. Und nun scheinen auch die Reste des besagten Schiffswracks entdeckt worden zu sein - klar, dass eine bestimmte "ehrenwerte" korsische Familie vor der Regierung auf dem französischen Festland Zugriff auf den "Schatz von Lava" haben will. Doch der Fundort ist nur schwer zugänglich und mit Tauchgeräten nicht zu erreichen. Hier kommt Laurine ins Spiel, die als beste Apnoe-Taucherin einerseits lang genug die Luft anhalten könnte und zudem so schmal gebaut ist, dass sie durch die engen Spalten zum Fundort tauchen und Sprengladungen zur Erweiterung des Zugangs anzubringen vermag. Eric Marchand, der Laurine schon seit langem seine Liebe zu ihr gestehen will, macht sich große Sorgen um sie. Völlig zurecht, denn es drohen weit größere Gefahren als eine "ehrenwerte" korsische Familie …
    Vitu Falconi alias Thomas Thiemeyer hat nach Das korsische Begräbnis nun mit Korsische Gezeiten den zweiten Band seiner "Urlaubs-Krimireihe" um Korsika als Schauplatz vorgelegt.
    Was die hier getroffenen Aussagen zur Meeresarchäologie und den Münzen aus römischer Zeit angeht, klingt das Alles sehr fundiert und auch die Landschaftsbeschreibungen oberhalb und unterhalb des Meeresspiegels sind erneut überzeugend. Aber beides hilft nicht darüber hinweg, dass dieser Band leider erheblich vom ersten abfällt und alles andere als rund ist.
    So wird der Charme der Korsen mehr zitiert, als dass ihm neues Leben eingehaucht wird. Der Plot reduziert sich auf den Wettstreit um das Finden des Schiffwracks, der lediglich von stets im falschen Moment unterbrochener Gespräche zwischen Laurine und Eric "unterfüttert" wird - Laurines Ex-Mann hat Eric dessen Ex-Freundin auf den Hals gehetzt. Manches nur andeutend, aber nicht zu Ende führend, dafür anderes bis zum Überdruss wiederholend, ist das Finale schlicht unglaubwürdig, weil sich selbst widersprechend. Da hilft auch das Liebesbekenntnis zum Schluss nicht drüber hinweg!
    Im Gegensatz zum ersten Band kann dieser Roman also nur im Urlaub gelesen werden, egal wo, solange nur eine heiße Sonne ein Nachdenken über das Gelesene vermeiden hilft.
    Da der Autor bewiesen hat, dass er es besser kann, will ich dieser Reihe noch eine Chance geben … U.K.
    (Vitu Falconi: Korsische Gezeiten. Ein Korsika-Krimi. Knaur Verlag, München 2019. 297 Seiten. 14,99 Euro. ISBN: 978-3-426-52172-4)
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    Unter dem Namen "Carolin" ist sie seit einem Jahr Angestellte einer Blumenhandlung auf dem Wiener Zentralfriedhof. Davor verhalf sie als Spitzel der Polizei zu einem Teilerfolg bei der Verfolgung einer der brutalsten Banden des organisierten Verbrechens - und bezahlte dafür mit ihrem Leben. Jedenfalls nach Meinung ihres Killers. Doch sie hat überlebt und will sich nur noch bedeckt halten, damit der Anführer der Bande nicht wieder auf ihre Spur kommt. Bislang konnte ihr Robert als ihre Kontaktperson bei der Polizei stets beruhigende Blumengrüße zukommen lassen - doch jetzt fordert Robert sie auf, in München ein weiteres Mal als Spitzel tätig zu werden. Ansonsten könnte er sie nicht mehr länger unterstützen …
    Ursula Poznanski eröffnet mit Vanitas - Schwarz wie Erde eine neue Thriller-Reihe. Meine Erstbegegnung mit einem Werk dieser Autorin, die auf dem Cover als "Spiegel-Bestseller-Autorin" angepriesen wird.
    Das Originellste an dem Buch ist sein Titel und die Idee, dass sich Polizei und Spitzel mit verschlüsselten Nachrichten anhand einer entsprechenden Anordnung und Auswahl von Blumen austauschen. Die Auflösung des Falls in München ist allzu bald absehbar, seine Handlungsträger spitzen mit ihren z.T. durchaus pointierten Dialogen diesen Strang immerhin zu einer Schicki-Micki-Satire aus dem Bauunternehmermilieu zu. Und dass jemand den Anschlag eines so brutalen wie gut vernetzten Bandenanführers gegen sich überleben und das auch noch vor ihm verbergen könnte, hätte einiges Potential gehabt - das jedoch von der Autorin in keiner Weise überzeugend oder auch nur in sich plausibel entfaltet wurde.
    So wird Carolin als "Spitzel" eingeführt, doch bis zum Ende des Buches nicht erläutert, wie sie zu dieser Bezeichnung gekommen ist und in welcher Verbindung oder gar Beziehung sie davor zu den Subjekten ihrer Spitzeleien stand. Genauso wenig wird dargestellt, wodurch sie die Bande überführen helfen konnte, wie sie anschließend getötet werden sollte und das dann überlebt hat. Kaum glaubhaft auch, dass einmal im Zeugenschutzprogramm, Carolin nicht wüsste, wie sie sich gegen die Erpressung Roberts hätte wehren können - oder war sie gar nicht im Zeugenschutzprogramm? Wieso und auf welcher Grundlage wurde sie dann so lange von Robert "unterstützt". Und wenn eine dann in München als vor Angst geradezu paranoide Überlebende zwar ein Scharfschützengewehr in kürzester Zeit zusammen- und wieder auseinanderbauen kann, aber erst nach einem Gala-Besuch erkennt, dass so ein Besuch angesichts der zahlreich anwesenden Presse-Fotografen vielleicht doch nicht so eine gute Idee war, dann will ich gar nicht mehr wissen, wie die Autorin das Überleben ihrer Protagonistin weiterhin zu sichern gedenkt. Denn neben den zahlreichen logischen Brüchen, verliert der Roman auch immer wieder an Tempo durch enervierende Redundanzen, die das Unplausible umso mehr sichtbar machen.
    Sehr wahrscheinlich also das falsche Buch für eine Erstbegegnung mit dieser Autorin. U.K.
    (Ursula Poznanski: Vanitas - Schwarz wie Erde. Thriller. Knaur Verlag, München 2019. 377 Seiten. 14,99 Euro. ISBN: 978-3-426-22686-5)
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    Junior und Henrietta scheinen mit ihrem Leben auf einer Farm zwischen riesigen Rapsfeldern irgendwo in der kanadischen Einsamkeit ganz zufrieden zu sein. Bis Terrance auftaucht und Junior mitteilt, er sei für ein Forschungsprogramm ausgewählt worden. Er wäre dann zwar für eine ungewisse Zeitdauer in unerreichbarer Ferne, aber für Henrietta sei gesorgt, sie würde unter seiner Abwesenheit gewiss nicht leiden, im Gegenteil: sie beide würden am Ende das Ganze für sich als großen Gewinn erfahren …
    Iain Reid legt mit Enemy seinen zweiten Psychothriller vor, der von der Anlage her eher etwas von einem dystopischen SF-Roman hat.
    Wie Junior und Henrietta, kurz Hen genannt, allerdings das Eindringen in ihre Privatsphäre für einen kaum hinterfragten bzw. verstandenen "Gewinn" hinnehmen, lässt sich anfangs bestenfalls noch als Parodie oder Karikatur von Trump-Wählern deuten - so offenbart Junior den Stolz eines hart arbeitenden Mannes, der das Beste für seine Frau will und damit zugleich uralte Rollenklischees bedient und Hen das dazu passende Gegenüber. Doch nach einigen Seiten mehr wirken ihre Reaktionen nur noch wie die von realitätsfernen bzw. unglaubwürdigen Kunstfiguren, deren weiteres Schicksal einem kaum noch nahe gehen kann. Und bald erscheint einem auch das ganze Setting dieses in Einsamkeit lebenden jungen Farmerehepaars wie eines nicht von dieser Welt - doch, soviel Spoiler sei gestattet, das ist so vom Autor nicht beabsichtigt. Liest man trotzdem weiter, "belohnt" der Autor einen zum Ende hin mit zwei, drei Volten, die tatsächlich, wie im Klappentext versprochen, ein überraschend philosophisches Moment enthalten - aber dafür hätten statt 300 auch 100 von einem Lektorat gesichtete Seiten gereicht.
    Reids Vorgängerroman wurde ja von anderen hoch gelobt - vielleicht ist Enemy ein typisches zweites Buch, das davon geradezu gesetzmäßig abfallen musste. Mal sehen, ob das dritte Buch dann tatsächlich hält, was es verspricht … U.K.
    (Iain Reid: Enemy. Psychothriller. Aus dem kanadischen Englisch von Anke und Eberhard Kreutzer. Droemer Verlag, München 2019. 301 Seiten. 14,99 Euro. ISBN: 978-3-426-30620-8)
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    Patrick will unbedingt das Haus seiner Kindheit erwerben und darin mit Sarah und ihren beiden Kindern leben. Das Haus direkt an der Küste von Wales ist malerisch gelegen, doch nachdem Patricks Eltern das Haus aufgeben mussten, wurde es zum Schauplatz einer schrecklichen Tragödie. Der Nachbesitzer hat darin bis auf einen Sohn seine ganze Familie ermordet. Seit Jahren steht das als "Mörderhaus" verschriene Gebäude leer - zudem feucht, kalt und baufällig wäre es dafür vergleichsweise preiswert abzugeben. Und nach dem Tod ihrer Mutter hat Sarah ein kleines Erbe ausgezahlt bekommen. Sarah will eigentlich gar nicht umziehen und damit ihre Freunde und Bekannte verlassen, doch sie hatte den Tod ihrer Mutter nur sehr schwer verkraftet und deshalb Patrick einiges zugemutet - sie konnte ihn nicht schon wieder enttäuschen. Doch was sie nicht weiß, aber Patrick: Der Mörder von damals wurde vor einigen Wochen entlassen …
    Für das Manuskript von Mörderhaus erhielt die englische Autorin Vanessa Savage ein Literaturstipendium und gewann 2016 auch noch den Wettbewerb Myriad Editons First Crime.
    Tatsächlich ist dieser Roman eingängig geschrieben und flüssig übersetzt. Auch der Thrill kommt keineswegs zu kurz, hält einen jedoch bestenfalls nur die ersten 100 Seiten bei der Stange. Hauptsächlich aus der Perspektive Sarahs erzählt, die aufgrund ihres nirgends wirklich schlüssig und nachvollziehbar erläuterten Traumas jede sich bietende Chance für Aufklärung und daraus sich ergebender Entscheidungen geradezu zwanghaft meiden muss, ergibt das eben nicht den berühmten Hitchcock-Effekt, als vielmehr das Durchdeklinieren eines nur allzu bald vorhersehbaren Handlungsablaufs - der am Ende dann auch nur in ein, zwei mäßigen "Volten" mündet.
    Damit das Buch auch erfahrene Thrillerliebhaber fesselt, hätte sein ganzer Aufbau und insbesondere die Anlage von Sarah komplett auf den Kopf gestellt werden müssen. Da die Autorin durchaus Talent beim Erzählen einzelner Szenen beweist, sei ihr für das nächste Buch ein Lektorat gewünscht, das seinen Namen verdient. U.K.
    (Vanessa Savage: Mörderhaus. Psychothriller. Aus dem Englischen von Christine Gaspard. Knaur Verlag, München 2019. 416 Seiten. 14,99 Euro. ISBN: 978-3-426-52300-1)
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    SF / Fantasy /Mystery

    Midea ist eine zweigeteilte Stadt: auf der einen Seite Bewohner, die Kämpfe schätzen, auf die gewettet werden kann, auf der anderen Seite die der ersten Hälfte fremdgebliebenen Zatarsi, die sich nicht nur aufs Kämpfen, sondern auch auf Musik verstehen. Die notgedrungene Koexistenz der beiden Stadthälften beruht auf einen uralten Vertrag, der in die Zeit zurückreicht, als die letzten Drachen ausgerottet wurden. Die einstigen Drachenjäger heißen nun "Hüter" und haben polizeiliche Aufgaben übernommen, wozu auch zählt, Bürger mit "verfluchtem Blut" in Gewahrsam zu nehmen, da sie mit ihren Wutanfällen unberechenbar sind und sich und andere gefährden. Lange Zeit konnte der junge Adlige Valerian seinen Zustand verbergen, doch schließlich wird auch nach ihm gefahndet. Ihm droht Gefängnis oder/und Brandmarkung. Auf der Flucht begegnet er der Zatarsi Elezei, die unverschuldet ihre Stadthälfte vorerst nicht meht betreten darf und deshalb selbst eine Rechnung mit den Hütern offen hat. Weder Valerian noch Elezei können ahnen, dass sie schon lange Teil eines perfiden Plans sind …
    Julia Lange hat mit Blutgesang nach ihrem Debüt einen weiteren Fantasy-Roman vorgelegt, der mit den Zatarsi und dem Codex der Hüter eine durchaus originelle Idee für Charaktere eingeführt, sie aber gut 200 Seiten zu spät als Trumpf ausgespielt hat.
    Die Stadt Midea mit ihren mittelalterlich mediterran wirkenden Zügen bietet eine solide Kulisse, und auch dass die Begegnungen von Valerian und Elezei bis zum gegenseitigen Wertschätzen sattsam bekannten Mustern folgen, wäre hinzunehmen, wenn der Punkt nicht erst nach zahllosen Wiederholungen immer nahezu wortgleicher Vorwürfe erreicht würde. Auch einige Nebencharaktere sind gut skizziert, aber nicht wirklich ausgestaltet, wie der ganze Plot auf ein nach überlangem Vorlauf dann s.o. recht platt hingeworfenes Ende zuläuft - anstatt dieses Ende ins Zentrum zu stellen und daran weitere Erzählstränge anzuknüpfen, die womöglich auch noch ein, zwei Folgebände getragen hätten.
    Fazit: Die Autorin zeigt Talent, spielt es aber noch zu sparsam aus. Schade - aber was nicht ist, kann ja noch werden. U.K.
    (Julia Lange: Blutgesang. Roman. Knaur Verlag, München 2019. 381 Seiten. 12,99 Euro. ISBN: 978-3-426-52196-0)
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    Dale Stewart fühlt sich am 1. Juni 1960 wie ein in Bernstein eingeschlossenes Insekt. Er ist überzeugt davon, dass der letzte Schultag vor den Sommerferien die schlimmste Strafe ist, die sich Erwachsene je für Kinder ausgedacht haben. Selbst die letzen Minuten ziehen sich ewig hin. Umso befreiender der erste Ferientag, als der Sommer "wie ein großes Festmahl" vor einem liegt und man nie wieder in die 1876 erbaute Old Central School muss. Sie ist seit Langem baufällig und für die wenigen Kinder in dem nach Einwohnern geschrumpften Elm Haven zu groß geworden. Die neue Gesamtschule verspricht weit hellere Klassenräume und hoffentlich auch jüngere Lehrkräfte.
    Dale und seine vier Freunde Mike, Duane, Harlen und Kevin planen den besten Sommer ihres Lebens, dem auch die bereits aufkommende Hitze nichts anhaben soll. Doch die Old Central mit ihrem großen Glockenturm ist noch längst nicht fertig mit ihnen. Aus ihren verwinkelten Gewölben verbreitet sich ein Grauen, das nicht nur für die fünf Freunde zum lebensbedrohlichen Albtraum wird …
    Elm Haven enthält als Doppelband die Romane Sommer der Nacht und Im Auge des Winters von Dan Simmons, die im Original bereits 1991 und 2002 und in deutscher Übersetzung 1992 und 2006 vorlagen. Stephen King, der sich ja eine Zeitlang geradezu inflationär auf Klappentexten zitieren ließ, aber nicht nur in seinem "Es" zu Höchstform aufgelaufen ist, wenn er die Ängste von Kindern dem leibhaftigem Grauen aussetzte, dürfte diesmal den Nagel auf den Kopf getroffen haben: "Dan Simmons schreibt wie ein Gott. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich ihn beneide!"
    Umso seltsamer, das nicht wenigstens Sommer der Nacht längst verfilmt wurde. Denn Simmons versteht nicht nur, seine 8 bis 12-jährigen Handlungsträger glaubhaft in Szene zu setzen und sie in ihr sich in Klassen und Vorurteile abgrenzendes Erwachsenenumfeld der 1960er einzubetten, sondern auch das, was hier von "außen" den Horror "lebendig" werden lässt, weit überzeugender als Stephen King zu entfalten. Dazu lässt er sich viele Seiten Zeit und entwickelt aus einem "Fünf-Freunde-Buch" einen Horror-Roman der Extraklasse.
    Der zweite Band knüpft mit der Hauptfigur Dale Steward und Elm Haven als Handlungsort an den Vorgängerroman an, doch 41 Jahre später und aus dem Blickwinkel eines 1960 Verstorbenen. War Sommer der Nacht ein gruselig, linear erzähltes Leseabenteuer, nutzte der Autor es nun in Rückblicken darauf für ein Gedankenexperiment, das den Horror eines letztlich an sich selbst gescheiterten Erwachsenen ausmalt. Doch auch wenn Im Auge des Winters der Struktur nach eine ganz andere, den Leser weit mehr herausfordernde Geschichte erzählt, sollte man nicht davor zurückschrecken - gerade, wenn man beide Romane nun in einem Zug lesen kann. Hier zeigt Simmons nämlich umso mehr, inwiefern Stephen King Grund hat, auf ihn neidisch zu sein. Simmons beweist darin eine Vielschichtigkeit, die die eines bloßen Genreautors weit überflügelt. Neben einer bestechenden Fantasie sind das nicht zuletzt auch seine Möglichkeiten, tiefgründige Bezüge u.a. zu altskandinavischen Sprachen und indianischen Philosophien herzustellen.
    Wohl dem, der in diesem Doppelband beide Romane für sich neu entdecken kann! Sie dürften so manch neu erschienenen Horror-Roman aus diesem Frühjahr seeeehr alt aussehen lassen … U.K.
    (Dan Simmons: Elm Haven. Zwei Romane in einem Band. Aus dem Amerikanischen von Joachim Körber ("Sommer der Nacht") und Friedrich Mader ("Im Auge des Winters"). Heyne Verlag, München 2019. 1006 Seiten. 19,99 Euro. ISBN: 978-3-453-31981-3)
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    Sachbuch




    Kinder- & Jugendliteratur






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